Am 18. April 2010 stand die österreichische Fußballwelt für einen Augenblick still, als ein schlimmer ZWischenfall das Meisterschaftsspiel zwischen dem LASK Linz und dem FC Red Bull Salzburg überschattete. Doch trotz dieses tragischen Ereignisses ging damals ein unglaublicher Ruck durchs Land, und eine bis zu diesem Zeitpunkt noch nie dagewesene Solidarität zeigte sich, als Fußballfans aller Bundesliga-Klubs unserem Ghostwriter ihre Anteilnahme und ihr Mitgefühl ausdrückten.

Der achte Teil unserer Serie „Ghostwriter“ beschreibt die Gedanken und den Leidensweg eines langen Comebacks aus erster Hand.

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„Ich kann mich an diesen Tag noch genau erinnern. Irgendwie lag schon vor dem Match eine enorme Spannung in der Luft. Es war eine hitzige, harte und hektische Partie, und wir bekamen das Spiel nicht gleich unter Kontrolle. Die Linzer übten enormen Druck auf uns aus, und ich war sehr damit beschäftigt, den Überblick zu behalten. Dann kam ein langer Ball hinter unsere Abwehr, ich stand in guter Position und konnte aus dem Tor frei nach vorne gehen, um den Ball zu klären und schoss ihn wuchtig nach vorne. Dann passierte es. Ich spürte die Wucht des Aufpralls wie einen Blitzschlag, der durch den ganzen Körper ging. Ich fiel zu Boden, und dann erst kam dieser unerträgliche Schmerz und das Gefühl, ins Unendliche zu fallen.
 
Ich habe Lukas nicht kommen sehen und, um ehrlich zu sein, bin ich im Nachhinein sogar froh darüber, denn wenn ich dieses Bild vor Augen gehabt hätte, wäre es mir später vielleicht nicht mehr möglich gewesen, so konsequent aus dem Tor auf einen Gegenspieler zuzulaufen.   
 
Ich wusste nicht gleich, was los war, konnte mich aber auch nicht aufrichten, um nachzusehen. Als ich bemerkte, wie die Spieler auf mich zugerannt kamen, war alles ganz dumpf um mich herum, aber trotzdem ganz klar. Ich sah sie wild herumschreien, mit den Händen gestikulieren, sich streiten. Fränky bemerkte als erster, was passiert ist, und ich erkannte erst am Entsetzen in seinem Gesicht, wie ernst es wirklich war. Als die Physios und Sanitäter dann bei mir waren, ging alles unglaublich schnell. Um mein Bein zu stabilisieren, musste Dr. Joe den Bruch einrichten. Er zog am Bein, damit die Muskeln, Bänder und Knochen nicht weiter beschädigt werden, und musste das Bein die ganze Zeit über in dieser Position halten. Das war das Schlimmste, aber in diesem Moment hatte ich ein unglaublich erweitertes Bewusstsein. Die Bewegungen um dich herum nimmst du wie in Zeitlupe wahr und trotzdem passiert alles ganz schnell. Jede Erschütterung, jede Berührung und sogar meine eigene Atmung spürte ich, wie ein metallisches Stechen, aber ich bemerkte auch die Furcht und das Entsetzen der Spieler auf dem Feld und den Zusehern auf den Rängen.

Ich hob meine Hände, um ihnen zu signalisieren: Alles wird gut! Ich schaffe das! Was dann passierte, war unglaublich! Ich hörte sie meinen Namen rufen, klatschen und mir zujubeln, und diese Energie durchströmte meinen ganzen Körper. Trotz der Schmerzen hatte ich Hoffnung. Ich wusste noch nicht, was noch alles auf mich zukommen würde, aber diese Solidarität, die ich damals spürte – auch Tage später durch die vielen Fanbriefe, die mir ins Krankenhaus geschickt wurden –, habe ich den Mut und die Motivation gefunden, über den Schmerz hinauszugehen. Die Zeit in der Reha war auf emotionaler Ebene sehr wechselhaft für mich. Auf der einen Seite hatte ich große Hoffnung, auf der anderen Seite war ich wieder voller Zweifel, aber ich wollte wieder zurückkommen. Nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die großartigen Menschen, die mir in dieser Zeit geholfen haben. Viele Menschen aus ganz Österreich haben mir geschrieben, manche hatten ein ähnliches Schicksal wie ich, und ich erkannte mit der Zeit, was für ein unglaubliches Glück ich hatte.
 
Ich hatte Glück, weil mir der Unfall in einem Land passiert ist, wo Verletzungen wie meine für die Ärzte in alpinnahen Krankenhäusern wegen der zahlreichen Skiunfälle im Winter quasi zur Tagesordnung gehören. Ich hatte Glück, dass ich ein unglaublich tolles Ärzte- und Betreuerteam zur Seite hatte, wie es in Österreich vielleicht kein zweites gibt. Ich hatte Glück, mit Herbert Ilsanker einen wichtigen Mentor, ja sogar fast eine Vaterfigur, zur Seite zu haben, der mich durch alle meine Tiefen hindurch begleitet hat und mich zu dem Mann gemacht hat, der ich heute bin.
 
Ich habe vom Zeitpunkt des Unfalls und in der Reha bis zu meinem Comeback einiges über meinen Körper gelernt. Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk, denn er kann viel größere Schmerzen ertragen, als man es für möglich hält. Jede Übung, die ich damals mit unseren Physios machen musste, habe ich immer genauestens hinterfragt. Nur so konnte ich mich darauf konzentrieren, es richtig zu machen. Ich sollte zum Beispiel auf einem Pezziball sitzend, die Füße an der Wand aufgestützt, Bälle fangen, die man mir von hinten an die Wand spielte und die von dort zurückprallten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man so etwas wirklich lernen kann. Am Ende konnte ich es sogar mit den Füßen auf einem Ball an der Wand abgestützt. Ich musste also das Gleichgewicht auf zwei Bällen ausbalancieren.
 
Nach meiner aktiven Karriere habe ich durch die Arbeit mit unserem Nachwuchs einen neuen Lebensweg gefunden, der mich mit sehr großer Freude und Stolz erfüllt. In der Arbeit mit unseren jungen Torhütern kann ich meine Erfahrungen an die neue Generation weitergeben. Es ist meine Aufgabe, ihnen beizubringen, mutig und entschlossen zu sein. Es ist meine Aufgabe, ihnen beizubringen, mit voller Überzeugung im Tor zu stehen und niemals zurückzuziehen! Niemals!“