Raue Winde und Käsköpfe

Die Heimat von Jesse Marsch in unserer Serie „Dahoam“

Nur dahoam is dahoam, wir Salzburger wissen, dass sich ein reiner Geist aus einer reinen Umgebung speist. Wo sattes Grün auf pittoreske Architektur trifft, wurde aber nicht nur der kleine Mozart, sondern auch Jesse Marsch geboren.

Es war 1973, genau 7.319 Kilometer westlich der Getreidegasse in Racine, Wisconsin, einer 78.000-Seelen-Stadt auf zwei Drittel der Strecke zwischen Chicago und Milwaukee. Krautfelder und Kuhweiden zur einen, der Lake Michigan zur anderen Seite, es lebt es sich beschaulich in Racine, Wisconsin. Die Erwähnung des Staates nach dem Ortsnamen ist amerikanisches Standardprozedere, nicht nur weil auch vier weitere Staaten ein Racine beherbergen, sondern schlichtweg, weil kein Mensch wüsste, wo er die Stadt zu verorten hätte. Die Vereinigten Staaten sind ein Sandwich. Ostküste, Westküste und viel dazwischen. Doch wie man es dreht und wendet, der Inhalt bleibt oft im Verborgenen. Alle Staaten zwischen New York und Kalifornien gelten oft abschätzig als Flyover States, die nur Beachtung finden, wenn ihre Stimmen einen Republikaner zum Präsidenten machen.

Doch speziell Wisconsin ist so viel mehr. Es ist einer der tüchtigen Bauern- und Arbeiterstaaten, die unter Abwanderung infolge der Deindustrialisierung leiden. Der weltbekannte Baumaschinenhersteller Milwaukee aus der gleichnamigen Nachbarstadt Racines wurde schon in den 1980ern an einen Hedgefonds verscherbelt. Doch vereinzelt gibt es noch Schwerindustrie. Der Chemiekonzern SC Johnson und der Traktorhersteller Case sind seit Langem und bis heute die größten Arbeitgeber Racines. Bei Letzterem malochte Jesses Vater für 32 Jahre.

Die stille und arbeitsame Art der Bewohner begründet sich in ihrer Tradition. Viele Besitzlose und Verfolgte aus dem protestantischen Norden Deutschlands, Dänemark und Norwegen zogen im 19. Jahrhundert in die Ebene zwischen Lake Superior und Lake Michigan. Ihre Kulinarik ist bis heute tief verankert. Die dänischen Zimtschnecken ließen sogar Präsident Obama auf der Durchreise in Racine einen Stopp einlegen. Die deutsche Braukultur macht Wisconsin zum Staat mit dem höchsten Alkoholkonsum in den USA. Jeder größere Ort schmeißt Bierfeste, bei denen auch Sauerkraut und Bratwurst gereicht werden. Die bundesweit meistgetrunkene Marke Miller wird in Milwaukee gebraut. Jesse hat uns aber Bier der Sprecher Brewery ans Herz gelegt.

Sonst dominiert die Milchindustrie, die Wisconsin den inoffiziellen Beinamen Americas Dairyland verschafft hat. American Football-Fans wissen das, denn die Anhänger der Green Bay Packers, dem einzigen NFL-Team in Wisconsin, werden auch als Cheese Heads bezeichnet. Die Packers sind nicht nur das erfolgreichste Team der NFL-Geschichte, sondern auch jenes aus der kleinsten Stadt. Die 100.000 Einwohner-Gemeinde Green Bay führt sogar das Vereinslogo im Stadtwappen. Auch Jesse ist großer Fan. Ein Spiel auf dem Lambeau Field während der Weihnachtsfeiertage ist für unseren Coach Pflicht.

Auf den Rängen des riesigen Ovals kann man gut und gerne bei -15 Grad von einem Schneegestöber erwischt werden. In Nordamerika verlaufen alle wesentlichen Gebirgszüge von Norden nach Süden, weshalb es vom Polarkreis bis zur Karibik keine topografische Wetterbarriere gibt. So dringen im Spätsommer Hurrikans manchmal bis Chicago vor, während im Winter oft mehrere Meter Schnee fallen und der Lake Michigan, das flächenmäßig viertgrößte Süßwasserreservoir des Planeten, zufriert.

Da muss auch die Bausubstanz so einiges aushalten. Die Backsteinarchitektur von Racine geht auf den landesweit bekannten Architekten Frank Lloyd Wright zurück, der auch das Wahrzeichen der Stadt, das Golden Rondelle im HQ von SC Johnson, entworfen hat. Ein kurzer Spaziergang von ebendiesem über den Strand des Lake Michigan führt zu Wells Brothers, Jesses Lieblingsrestaurant. Die Pizza soll vorzüglich sein.

 

Wer Jesse noch besser kennenlernen will, kann jetzt in die jüngste Folge unseres Podcasts eintauchen.

Auch zu empfehlen: unsere erste Episode mit Jesse Marsch, in der er über seinen Werdegang als Spieler und Trainer spricht.

„Einstellungssache“ erscheint  jeden zweiten Dienstag mit wechselnden Spielern und Betreuern auf allen Plattformen. Auf unserer Website, Spotify, Apple Podcasts und Google Podcasts könnt ihr Gesprächen lauschen, die wirklich in die Tiefe gehen.

Eine Sammlung aller Episoden findest du HIER!