Heimtrainingsgeflüster mit unserem Athletikcoach Sebastian Kirchner

Wir haben viel über die Spieler gehört, wie sie ihre Freizeit verbringen, was sie essen und auch wie sie trainieren. „Schwitzen und pumpen“ könnte man über das Fitnessprogramm unserer Burschen sagen. Warum das alles so ist, weiß unser Mastermind hinter den Trainingsplänen. Sebastian Kirchner ist Athletiktrainer bei unseren Roten Bullen und als solcher mit allen Daten, Fakten und Plänen beschäftigt, die das Heimtraining des Teams steuern.

Einfach ist das nicht, versichert uns Sebastian, denn der persönliche Kontakt zum Spieler ist beim Training enorm wichtig. Trainingssteuerung bedingt Trainingsüberwachung, und kein Detail ist dabei aus den Augen zu lassen. Wie kommt der Spieler mit den Belastungen zurecht, wie sauber führt er die Übungen durch – aus der Ferne ist die genaue Betrachtung dessen nur schwer möglich. Dennoch ist Kirchner nicht zum Jammern zumute: „Wir haben den Umständen entsprechend gute Möglichkeiten. Alle Spieler haben Trainingsutensilien aus dem Trainingszentrum Taxham mit nach Hause bekommen. Jeder hat eine Pulsuhr und einen individualisierten Trainingsplan in einer App.“

Beginnen wir mit Letzterem: Der Trainingsplan ist für einen Spieler nicht wie für den nächsten. Mindestens zwei Mal jährlich finden Ausdauertests statt. Die Daten daraus dienen als Grundlage für das Heimprogramm. Wobei Ausdauer mitnichten gemütliches Joggen bedeutet. Unser Athletiktrainer vergleicht den Aufbau mit einer Pyramide. An der Basis liegen die Grundlagenausdauer und die Kraft. Die Übungen widmen sich der Beibehaltung eines gewissen Fitnesslevels und der Verletzungsprophylaxe. „Wir haben Daten aus Physioscreenings und Krafttests, die uns zeigen, wo potenziell Verletzungen auftreten könnten. Dem versuchen wir bestmöglich vorzubeugen“, sagt Kirchner. Anfällig sind vor allem die Oberschenkel und die Hüftgegend, weshalb speziell diese Bereiche mit Kraft- und Stabilisationstraining gestärkt werden. „Während normaler Wettkampfwochen können die Spieler maximal zwei Mal pro Woche Kraft trainieren, weil wir auch auf die Regeneration achten müssen. Jetzt pumpen sie mindestens drei Mal in der Woche“, verweist Sebastian auf die geänderten Prioritäten während der Corona-Pause. Alles ist das aber bei Weitem nicht. Wettkampfähnliche Belastung steht in der Spitze der Trainingspyramide. Intervalle, Sprints, all die intensiven Dinge, die jetzt, ohne Spiele, fehlen. Sie sind die ausschlaggebenden Faktoren, das Sein oder nicht Sein, wenn es wieder losgeht: „Wir gehen davon aus, dass wir relativ schnell von Heimtraining auf Wettkampf umschalten werden müssen, wenn es denn wieder losgeht. Da bleibt vermutlich nicht viel Zeit, um an athletischen Grundlagen zu arbeiten.“

Das wissen auch die Spieler, die ständig mit Sebastian im Austausch stehen und ihren Körper manchmal besser kennen als der Athletikcoach: „Ich habe mit Andi (Anm.: Ulmer) telefoniert und ihn gefragt, wie er mit der Trainingsbelastung zurechtkommt. Er meinte, dass es schon gut passen würde, aber er einige Ideen hat, was er noch zusätzlich bräuchte. Nicht ohne Zufall waren das genau die Dinge, die ich für ihn in der nächsten Woche vorbereitet hatte. Speziell die erfahrenen Spieler kennen ihren Körper ganz genau.“

Wie gesagt bezieht Kirchner seine Daten von der Pulsuhr, die jeder Spieler beim Training trägt. Das Bild zeigt einen typischen Graphenverlauf bei einer Ausdauer- und Intervalleinheit.

Wie man sieht, geht es sehr intensiv zu. Das kann bei den Spielern schon einmal für leichte Verstimmungen sorgen, wie Sebastian aus unzähligen Gesprächen weiß: „Ich habe Toni (Anm.: Bernede) angerufen und er meinte zu mir: Sebi, du weißt schon, dass ich Fußballer bin und kein Hund! Auch Max Wöber versicherte uns im Podcast Einstellungssache, dass er daheim den Schweinehund häufiger überwinden muss als sonst. Davon können sich laut Kirchner auch Amateurkicker viel abschauen. Zwar gibt es keinen Heiligen Gral des Heimtrainings, aber jede Übung, die für einen Profikicker gut ist, funktioniert auch im Unterhaus, einzig die Intensität ist anders.