Wenn die CL-Hymne verstummt und sich die Ränge leeren, ist es Zeit für den Nachklang!

Unser Lektorenkollektiv schreibt weiter an seinem Heldenepos. Der David, der im Begriff einer Demütigung stehend unter Blut, Schweiß und Tränen den Goliath bis an den Rand einer Niederlage kämpft. Nur, um dann doch zu scheitern und dennoch als moralischer Sieger vom Platz zu gehen.

Da waren wir also: Anfield Road, Liverpool, England. Eine stramme Brise weht von der See, die Sonne verschwindet im Meer, die feucht-kalte Nacht bricht herein. Ein Flutlichtspiel an der Anfield Road, das kommt in der Reihe der Lifeachievements gleich nach „einen Baum pflanzen“ und „ein Kind zeugen“. Da dürfen die Emotionen schon mal Karussell fahren – und das taten sie auch.

Der erste Emotionszustand: Schock. Liverpool startete einem Champions League-Sieger würdig selbstsicher, dominant, mit dem Publikum im Rücken. Unsere Burschen wehrten sich nach Leibeskräften. Das Problem dabei: Wenn das Herz zu kicken beginnt, hört das Hirn damit auf.

Taktisch

Wie schon im Vorbericht thematisiert, gewinnt man große Spiele im Mittelfeld. Dort gewannen wir aber in den ersten dreißig Minuten weder Respekt noch Zweikämpfe. Die Verdichtung der Räume funktionierte nicht. Unsere beiden Zentralen, Zlatko Junuzovic und Enock Mwepu, waren Fabinho, Henderson und Wijnaldum numerisch wie qualitativ unterlegen. Die Dominanz war dermaßen drückend, dass Liverpool in der ersten Halbzeit 74 Prozent Ballbesitz verbuchte, über die Hälfte davon in unserer Seite des Platzes. Durch die Überzahl hatten die Reds die Möglichkeit, aus dem Mittelfeld mit einem Mann zusätzlich in die Spitze zu stoßen. Das brachte unsere Abwehr ins Wanken und erklärt die Löcher, die zu den Gegentoren führten. Von den Reds zerpflückt, mutierte Jesse Marsch vom Systematiker zum Pragmatiker. Aus 4-2-2-2 mach 4-4-2 mit Raute, mach Überzahl im Mittelfeld, mach Erfolg. Eine Entscheidung, die das Spiel nachhaltig veränderte.

Kämpferisch

An der Anfield Road eines auf die Rübe zu bekommen, kann echt eine peinliche Optik abgeben. Das liegt nicht an der mangelnden Konsequenz, sondern am falschen Werkzeug. Ohne passendes taktisches Gerüst ist das wie Inbusschlüssel auf Kreuzschraube. Man verliert die Zweikämpfe nicht, man kommt erst gar nicht an sie ran. Mit Mittelfeldraute fand man den passenden Schlüssel. 53 % der Zweikämpfe gingen an uns. 58 Mal fingen wir Pässe Liverpools ab. Im gesamten Kalenderjahr 2019 war niemand in Zweikämpfen gegen die Reds aggressiver als wir. Der Switch zwischen Raubeinigkeit und Finesse, der sonst so gut funktioniert, blieb diesmal ein bisschen auf der Strecke. Nur 58 % unserer Pässe ins letzte Drittel kamen an, wogegen es im Durchschnitt 75 % sind. Unsere Ballstafetten in Liverpool zählten durchschnittlich unter drei Pässe. Aber hey, das ist Liverpool, mit dem besten Verteidiger der Welt, Virgil van Dijk. Aber hey, wir haben Hee Chan Hwang, der über Nacht zur Social Media-Sensation wurde, weil er den Niederländer mit seinem Haken auf den Allerwertesten beförderte.

FC Liverpool vs. FC Salzburg

Klinisch

Spiele an der Anfield Road sind wie Teilnehmerinnen einer Miss-Wahl daten, viele Chancen bekommst du nicht. Das Stichwort lautet „Killerinstinkt“, und den stellten wir unter Beweis. Aus fünf Schüssen aufs Tor erzielten wir drei Treffer. Das ist Weltklasseniveau. Liverpool schoss genauso oft auf unseren Kasten, traf aber ein Mal häufiger. An dieser Stelle von einem Qualitätsunterschied zu sprechen, wäre vermessen. Gestern lag es einfach nur am Glück, denn die Qualität der Aktionen stimmte. Aus 32 % Ballbesitz kreierten wir dieselbe Anzahl an Großchancen wie Liverpool. Effizienz, wir brauchen nicht viel, um Gegnern wehzutun. Gleichzeitig ist dies auch eine Ode an die Vertikalität. Wer mit einem Drittel Ballbesitz und durchschnittlichen drei Pässen in Folge auswärts den Champions League-Sieger fordern kann, macht fast alles richtig.

Toxisch

Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär … Dass wir uns für unsere herausragende Leistung nicht gebührend entlohnten, haben wir uns leider selbst zuzuschreiben. Nicht etwa, weil wir am Ende nicht noch eine Schippe drauflegen konnten, sondern weil die Fehler schon passiert waren. 25 Ballverluste im eigenen Drittel sind angesichts der Qualität des Liverpooler Angriffs einfach zu viel. Die Reds überließen uns nur neun Mal das Spielgerät im eigenen Drittel. Wie es auch Jesse Marsch in der Halbzeit ansprach, waren wir zu brav. Wer sich an der Anfield Road keine einzige Gelbe Karte abholt, war wohl nicht inbrünstig genug. Das ist Kritik auf allerhöchstem Niveau, die wir nur üben, weil wir uns in der UEFA Champions League nicht als Gast, sondern von nun an als fester Bestandteil betrachten.

Das SPiel in voller Länge:

Erste Halbzeit:

plus
Liverpool FC vs. FC Salzburg | Halbzeit 1

Zweite Halbzeit:

plus
Liverpool FC vs. FC Salzburg | Halbzeit 2