In Joga Veritas

Die Heimat von Andre Ramalho in unserer Serie „Dahoam“

Nur dahoam is dahoam. Wir Salzburger wissen, dass es sich dort, wo die Landschaft grün und die Menschen herzlich sind, am besten lebt. Bewaldete Hügel, klares Wasser, Andres Heimat hat etwas vom Flachgau, nur, dass Südamerikas größte Stadt gleich daneben liegt.

Geboren 1992, genau 9.960 Kilometer südwestlich der Mozartstadt in Ibiuna, Provinz Sao Paulo, einer 76.000-Seelen-Stadt, die so etwas wie der Schrebergarten Sao Paulos ist. Die Reichen der 12-Millionen-Metropole kommen am Wochenende, genießen die Landschaft, die einst von japanischen Einwanderern kultiviert wurde, baden am Ituporanga-Stausee, der seit dem frühen 20. Jahrhundert die umliegenden Städte mit Elektrizität versorgt. Für die Einheimischen wirkt das etwas exotisch. Die meisten von ihnen kommen aus der unteren Einkommensschicht, sind bodenständig, wie auch Andres Eltern. Seine Mutter arbeitete als Erntehelferin im nahe liegenden Weinbaugebiet, das in Tradition der vielen italienischen Einwanderer der Region steht, bis sie nach der Geburt der beiden Söhne den Haushalt schmiss. Andres Vater jobbte für 23 Jahre als Fabrikarbeiter in der Kleinstadt Aluminio, die, nomen est omen, eine reine aluminiumverarbeitende Bergbaustadt ist.

Der Arbeit halber zog es die Ramalhos, Andre war erst 6, nach ebendort hin. In der örtlichen Schule begann er auch seine Bildungskarriere, gekickt hat er bereits, wie könnte es anders sein, auf der Straße. Als der große FC Sao Paulo im jungen Alter von 12 Jahren rief, musste Andre zuerst seine Eltern, dann die Schule davon überzeugen, dass es nun andere Prioritäten für den Lockenkopf gab:

Ich hatte einen Deal mit der Schule, dass ich zwei Tage pro Woche fehlen durfte, um nach Sao Paulo zu fahren und zu trainieren. Das würde aber nur so lange gelten, wie ich gute Noten schrieb. Da musste ich mich durchbeißen.

Die Spitze des Damoklesschwerts im Nacken nutzte Andre seine Zeit im Bus zum und vom Training, um seine Aufgaben nachzuholen. Viel Zeit blieb ihm nicht, nebenher spielte er noch Futsal, was oftmals dazu führte, dass er am Wochenende drei Spiele zu bestreiten hatte, manchmal alle an einem Tag. Alles kein Problem für Andre. Es war nun sein Leben. Joga Bonito, das schöne Spiel, wie es auf Portugiesisch heißt.

Es machte ihn nicht nur zum Allrounder, sondern auch zum Menschenfänger. Egal, wo er ist, wenn Andre den Raum betritt, wird er stets zu seinem Mittelpunkt. Die brasilianische Frohnatur sprach schon kurz nach seiner Ankunft erstaunlich gut Deutsch, seitdem stockt der Fortschritt ein wenig. Aber das stört ihn nicht. Es geht nicht um Perfektion, sondern um die Vibes, um Witz, um Lebensgefühl. Wenn er spricht, ist das Melodie, ein wenig so wie das Portugiesische an sich, das Wörter selten so klingen lässt wie die Summe ihrer Buchstaben.

Wenn er von früher erzählt, ist das ein Werk aus Freund- und Bekanntschaften, in dem er dem einen oder anderen Weltstar über den Weg lief:

Im Nachwuchs habe ich mit Casemiro, Lucas Moura und Oscar zusammengespielt, sie alle waren in Sao Paulo am Kicken. Erst unlängst hat mir ein Freund ein Foto von damals gezeigt. Ich hatte es schon vergessen, aber man sieht, dass Ederson bei uns Goalie war.

Nachdem man Andre mit 14 beim FC Sao Paulo ein Stoppschild vor die Nase stellte, führte seine Reise über Sao Bento und Palmeiras zum Probetraining bei Red Bull Brasil, das damals, 2009, noch komplett neu und unbekannt war:

Ein Trainer von mir hat mich gefragt, ob ich kommen will. Ich wusste nichts darüber, aber ich war für jede Möglichkeit offen. Als ich dort war, war ich erstaunt. Wir haben alle ein Shirt und eine Trinkflasche bekommen, die Plätze waren auch top. Einen solchen Standard an Professionalität gibt es in Brasilien eigentlich nicht.

Von dort ging es nach Salzburg, und den Rest kennt ihr. Für Andre ist die Verbundenheit zu seiner Heimat jedoch nie abgerissen. Seine Frau ist lange in Brasilien geblieben, erst seit ein paar Jahren weilt sie in Salzburg. Bei jeder längeren Spielpause fliegen die beiden zurück nach Sao Paulo, was Andre auch kulinarisch freut. Während der Saison mampft er nur nach Ernährungsplan, sodass der Heißhunger groß ist, wenn endlich wieder Mama für ihn kocht. Dann gibt es Bohnen mit Reis, ein brasilianischer Klassiker, der gern mit Rind, Huhn oder Ei verzehrt wird. Die Eltern wohnen inzwischen in Sao Roque, der Geburtsstadt der Mutter, unweit der beiden anderen Lokalitäten. Auch Andre ist dort am Hausbauen. Und das hat Ironie. In Sao Roque befindet sich die längste künstliche Skipiste Südamerikas, ein bisschen Salzburg fehlt also auch daheim nicht.