Der Elegante

„Salzburger Halbzeit“ mit Max Wöber

Ein Lächeln, ein Zwinkern, ein Hybrid aus ausgelassener Gemütlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Max Wöber merkt man seine Jugend nicht an, eher seine Reife. Wöber ist ein oldSchooler, einer, bei dem ein Handschlag noch etwas zählt.

„So is es“, sagt Max Wöber zustimmend mit dem Charme eines Kellners in einem Wiener Kaffeehaus. Wenn er zu erzählen beginnt, ist er schwer zu stoppen. Es ist ein Ritt zwischen Selbstreflexion und Ironie, zwischen Dialekt und Hochsprache. Und das ist kein Zufall. Max, 1998 in bürgerlichen Verhältnissen geboren, wächst in Hernals auf. Das ist nicht ganz Ottakring mit seiner Arbeiterschaft und nicht ganz Währing mit seinen Nobelheurigen. Der Papa Polizist, die Mama Lehrerin, die geräumige Wohnung in der Gürtelgegend, grundsolide.

Ich hatte eine sehr behütete Kindheit. Die besten Erinnerungen habe ich an den langen Flur in unserer Wohnung. Mein Papa hat mir da stundenlang die Bälle zugespielt und ich musste sie mit dem linken Fuß zurückkicken. Wahrscheinlich ist mir deshalb bis heute der linke lieber.

Für sein Alter erstaunlich bullig, wurde für Max auch bald die Wohnung zu klein. Die Wöbers zogen nach oben, in die Villengegend. Nicht so, wie man denkt, bescheiden, in eine Wohnung, aber mit Garten. Von dort war es auch nicht mehr weit zur Marswiese, die am Rande des Wienerwalds am Wochenende zum Zufluchtsort für alle Ballesterer wird. Gefühlt zwanzig Spiele finden dort täglich statt.

Auf der Marswiese ging es nur um den Spaß. Ich hatte Talent und war größer als die anderen. Eigentlich habe ich immer nur die Bälle an den anderen vorbeigeschmissen und bin nachgelaufen, da war ich nicht zu stoppen. Eigentlich war es unfair, deshalb habe ich bald in einem Team mit meinen Cousins gespielt, die vier Jahre älter waren.

Salzburger Halbzeit mit Max Wöber - 12 Bilder

Weshalb Max’ Vater die Idee kam, den Filius zum Wiener Sportklub zu schicken. Der freitägliche Besuch auf der legendären Friedhofstribüne war für die Wöbers ohnehin eine Gepflogenheit. Als nach einem Spiel der Zeugwart vorbeilief, kam es zu einem glücklichen Zufall.

Mein Papa hat ihn einfach angequatscht und gefragt, wann es ein Probetraining gebe. Zufällig war der Zeugwart zugleich auch Trainer der U9, meiner Altersgruppe. Er sagte, ich solle morgen Vormittag nach Stadlau kommen, da wäre ein Spiel, und ich dürfte eine Halbzeit mitspielen. Wir haben 9:0 gewonnen und acht Tore kamen von mir.

Von Verteidigen keine Spur, war Max nun der Stürmertank für den hervorragenden 98er-Jahrgang des Dornbacher Traditionsklubs, mit dem er im Schlepptau der Heimeuro 2008 auch Jugendeuropameister wurde. In der WFV-Liga forderte man Rapid und die Austria. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er bei den zwei Großen Begehrlichkeiten weckte. Das starke Team des Sportklubs wurde in den Folgejahren von ihnen zerpflückt. Wöber entschied sich für Rapid.

Es war natürlich ein großer Schritt, auch wenn ich erst zwölf Jahre alt war. Zu dieser Zeit plagte mich enormes Wachstum, weshalb ich mir unter der hohen Belastung die Wachstumsfuge riss. Moderne Physiotherapie war damals noch ein Fremdwort, für fünf Monate habe ich nichts gemacht, außer zu warten. In der ersten Trainingssession danach riss ich mir die Wachstumsfuge am anderen Bein.

Beinahe jede Spielzeit war für Max eine Comebacksaison. Wäre er nicht mit LKW-Ladungen an Talent gesegnet, hätte es schnell vorbei sein können. Ganz ungezeichnet kam er aber nicht aus der Affäre. Mit jeder Verletzung wurde seine Rolle etwas defensiver: vom Stürmer, zum 10er, zum Innenverteidiger. Erst mit 16 kam er auf seiner heutigen Position an, was ihn zu einem der Elegantesten und Schlauesten seiner Zunft macht. Wobei schlau das geflügelte Wort ist.

Ab 14 begann die Akademie. Ich hatte das Glück, schon davor in der Kooperationsschule von Rapid, dem BG Maroltingergasse, zu sein. Für zwei Jahre habe ich es in der normalen Oberstufe probiert, mit allen meinen Freunden, das war mir immens wichtig. Durch das Training am Vormittag habe ich so viele Fehlstunden angehäuft, dass es nicht mehr ging. Ich musste schweren Herzens in die Sportklasse wechseln.

Eine wegweisende Entscheidung, denn seine Eltern, beide um Solidität bemüht, hätten es ihm nicht verübelt, sich nach seiner Verletzungshistorie wider den Fußball und für die Bildung zu entscheiden.

Wenn es um Sport ging, hatte ich mit Papa immer einen großen Förderer, der mich aber nie mit übermäßigem Ehrgeiz zu etwas getrieben hätte. Mama war immer sehr besorgt um mich. In diesem Moment waren sie sich aber einig, dass ich nicht mit aller Gewalt probieren sollte, Fußballprofi zu werden. Zum Glück kam es aber so, wie es kam. Ich wüsste nicht, was ich heute machen würde, wahrscheinlich irgendwas mit Wirtschaft studieren und warten, bis mir etwas Besseres einfällt (lacht).

Stattdessen wurde er vorzeitig in den Kader der Rapid-Amateure einberufen, die er mit 16 auch gleich als Kapitän anführte, weshalb sein Jahrgang der erste war, der sich nicht kollektiv die traditionelle Glatze scheren musste. Captain Max brach mit diesem Brauch.

Es war ein großer Umbruch. Deshalb bekam ich auch schon mit 16 die Chance und wurde nach einer starken Vorbereitung zum Kapitän ernannt. Wenig später trainierte ich schon mit den Profis, was mir das Glück bescherte, nach einer Verletzung von Stefan Stangl mit 17 gegen Valencia ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich hatte davor noch nie linker Verteidiger gespielt.

Nach gerade einmal 24 Spielen bei Rapid zog es ihn in die niederländische Hauptstadt Amsterdam. Unerwartet und Hals über Kopf, es war ein Wechsel mit Ecken und Kanten.

Mein Berater sagte mir, dass ein großer Klub interessiert sei. Da war ich natürlich neugierig. Als ich hörte, dass es sich um Ajax handelt, habe ich intuitiv Nein gesagt. Ich dachte mir, dass es zu früh wäre. Gegen Ende der Transferphase rief mich Marc Overmars persönlich an und sagte mir, dass sie das Angebot verdoppelt haben. Ich hätte einen Tag, um mich zu entscheiden. Wenn ich käme, würden sie Davinson Sanchez zu Tottenham verkaufen, um für mich Platz zu machen. Meine Eltern waren im Urlaub und nicht erreichbar. Also habe ich kurzerhand selbst beschlossen, dass ich gehe, und sie vor vollendete Tatsachen gestellt.

Es ging schnell, wie so vieles im Leben von Max. Doch nicht alles, was glänzt, ist Gold. Nach einem kurzen Hype stand er zwei Flugstunden von zu Hause auf dem Boden der Tatsachen.

Die ersten Tage waren cool. Alles war neu. Keiner sagt dir, was du zu tun hast. Du kannst essen, was du willst, oder in meinem Fall bestellen, was du willst (lacht). Aber spätestens, als die Waschmaschine kam, war alles anders. Ich wusste nicht, wo hinten und vorne war. Meine Mama war jede zweite Woche da und hat mir die Haushaltsführung erklärt. Wenn sie nicht konnte, hat sie mir aus Wien Handyvideos mit Schritt-für-Schritt-Beschreibungen geschickt.

Obwohl die Integration in sein neues Umfeld nicht leichtfiel, die Holländer bleiben gerne unter sich, war Max selten alleine. Seine Freunde ließen sich die Gelegenheit zum billigen Amsterdam-Urlaub nicht entgehen. Bald hatte er mit Kostas Lamprou und Rasmus Kristensen eine neue Clique gebildet, mit der er gerne frühstücken ging.

The Breakfast Club war wie unser zweites Wohnzimmer. Wenn du hingegangen bist, war immer jemand anderes aus unserem Team dort. Mit Kostas (Anm.: Lamprou) bin ich auch immer zum Training gefahren, weil ich noch keinen Führerschein hatte. Den habe ich dann auf Holländisch gemacht, was mir überraschend leichtfiel.

Doch justament, als die Dinge ins Laufen kamen, spielte Trainer Erik ten Hag mit Wöber das Geduldsspiel. Max war mit seinen Einsatzzeiten nicht zufrieden. Als Sevilla anklopfte, öffnete er ihnen kurzerhand die Tür.

Ich habe in Amsterdam das Vertrauen verloren, und Sevilla wollte mich unbedingt. Meine Eltern kamen nach Amsterdam, halfen mir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, alle meine Sachen zu packen. In Sevilla gab es dann unerwartete Probleme. Es ging um fehlende Bankgarantien. Plötzlich waren beide Klubs in ihrer Ehre gekränkt. Mein Berater konnte es in drei langen Verhandlungstagen noch irgendwie hinbiegen.

Kein Wort Spanisch und der weitreichende Mentalitätsunterschied waren für Max schlechte Voraussetzungen. Nach einem Trainerwechsel wurde nur sechs Monate nach seiner Ankunft die Luft dünn.

Es war mühsam. Mit den meisten Leuten, ob Handwerker, Kollegen oder Journalisten, verständigte ich mich über Google Translate. Zuverlässigkeit ist in Spanien leider auch ein Fremdwort. Wenn du einen Termin um 10 hast, wird es schnell halb 5, bis er wirklich beginnt. Je länger das so blieb, desto mehr konnte ich mich mit der Idee anfreunden, nach Hause zu kommen.

Und damit meint er nicht etwa Wien. Max Wöber ist Salzburger geworden. Für viele war es schwer vorstellbar, für unseren Sportdirektor Christoph Freund nur eine Angelegenheit von ein paar Anrufen.

Mit jedem Gespräch hat mir das Projekt in Salzburg ein wenig besser gefallen. Das Vertrauen in mich und der Wille, mich unbedingt zu holen, haben mir den Mut gegeben, diesen untypischen Schritt zurück nach Österreich zu gehen.

Nicht ohne ein mulmiges Gefühl, denn die Abneigung war speziell zu Beginn stark zu spüren, was Max erlebte, als er mit seinem gebrandeten Audi nach Wien zur Familie fuhr.

Ich stand auf der Westautobahn im Stau. Nichts bewegte sich. Plötzlich klopfte jemand gegen meine Fensterscheibe. Ich erschrak. Er drohte mir, mich zu verprügeln. Irgendwie musste ich weg. Ich bin dann unter Gehupe durch die Rettungsgasse geflüchtet.

Seitdem fehlen die Red Bull-Aufkleber auf dem Audi von Max. Auf dem Platz hat man die Geschichten abseits davon nie mitbekommen. Ob Ebbe, ob Flut, Max bringt seine Leistungen konstant, stoisch, aber elegant. So hat er es damals gelernt, der linksbeinige Ex-Stürmer aus Wien 17.