Achtung vor den Wölfen im Schafspelz

Die aktuelle Form des VfL Wolfsburg kann trügerisch sein

Wenn man dem VfL Wolfsburg in die Karten spielen möchte, dann sollte man ihn unterschätzen, sich von seinem Graue-Maus-Image blenden lassen und glauben, dass sich die Biederkeit des norddeutschen Flachlandes auch auf den Klub übertragen lässt. So wie 1995, als die Wölfe als Zweitligist ins DFB-Pokal-Finale einzogen, mit Siegen über Eintracht Frankfurt oder den 1. FC Köln. Oder zwei Jahre später, als man dem FSV Mainz 05 mit Jürgen Klopp als Abwehrrecke in letzter Sekunde den Aufstieg wegschnappte und erstmals ins Oberhaus des deutschen Fußballs einzog. 

Vor allem aber wie 2009, als die Niedersachsen eines der größten Wunder seit der Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 vollbrachten. In der Winterpause noch auf Rang neun gelegen, stürmte das von Felix Magath zusammengestellte und trainierte – manche sagen: gequälte – Team zur deutschen Meisterschaft. Zehn Siege in Folge, Tore wie am Fließband der Fabrikhallen von Volkswagen. Bis heute sind Edin Dzeko und Grafite mit insgesamt 54 Treffern das beste Sturmduo, das die Bundesliga je sah. „Bis zu diesem Zeitpunkt war der VfL den Leuten bestenfalls egal“, sagt Felix Magath in der Rückschau. „Und auf einmal standen wir für den modernsten Fußball in Deutschland.“ 

Auf den Coup folgten zwölf Jahre, in denen der Klub die gesamte Bandbreite dessen abdeckte, was den Fußball zu einem emotionsgeladenen Nervenspiel macht: Sieg im DFB-Pokal, zwei Relegations-Thriller, bei denen man dem Abstiegsteufel in letzter Sekunde von der Schippe sprang. Und ein irrer Lauf in der UEFA Champions League, als der Klub unter Dieter Hecking 2015/16 erst nach einem dramatischen Fight im Viertelfinale an Real Madrid scheiterte (2:0, 0:3). 

Dass man jetzt an Erfolge in der Königsklasse anknüpfen kann, ist auch zwei ehemaligen Salzburgern zu verdanken. Zum einen Ex-Trainer Oliver Glasner, der in der letzten Saison wieder mal ein kleines Wunder vollbrachte und das Team sensationell auf Rang vier führte. Zum anderen Mittelfeldmotor Xaver Schlager, der sich in seinen zwei Saisonen in Wolfsburg zu einem der besten „Sechser“ der Bundesliga entwickelt hat – aktuell allerdings mit Kreuzbandriss ausfällt. „Ich hätte mich besonders auf das Wiedersehen mit Xaver gefreut“, sagt unser Sportdirektor Christoph Freund. „Er ist das perfekte Beispiel, wie bei uns Talente gefördert und ausgebildet werden.“ 

Als Lebensversicherung der Mannschaft von Trainer Mark van Bommel gilt Stürmer Wout Weghorst, der in den vergangenen drei Saisonen 53 Tore erzielte und zusammen mit Robert Lewandowski und Erling Haaland zu den verlässlichsten Torlieferanten der Liga zählt. Am Montag wurde allerdings bekannt, dass der Niederländer an Corona erkrankt ist und somit nicht zur Verfügung steht. Wir wünschen dem 29-Jährigen natürlich gute Besserung und hoffen auf ein Aufeinandertreffen im Rückspiel.

Diese Hiobsbotschaft für die Wolfsburger passt gewissermaßen ins Bild der letzten Wochen, in denen immer mehr Sand ins Getriebe der Autostädter geriet. Seit über einem Monat wartet man wettbewerbsübergreifend auf einen Sieg. In der Bundesliga gab es zuletzt drei Niederlagen in Serie. Die Gäste werden am Mittwoch also alles für eine Umkehr des Momentums geben. Wir sind aber vorgewarnt und wissen: Man darf den VfL Wolfsburg niemals unterschätzen.