Heißer Tanz

Tradition und Moderne ergeben in Andalusien eine pikante Melange

Die wohl schwierigste Aufgabe ist die erste. Sevilla auswärts ist kein lauer Sektempfang, hier wird kalte Gazpacho gereicht, mit viel Pfeffer!

2,26 Punkte holte Sevilla in der letzten Saison durchschnittlich vor heimischem Publikum. Das Estadio Ramon Sanchez Pizjuan ist eine Festung der klassischen Art. Die Ränge sind eng, steil und an drei Seiten nicht überdacht. Beherbergt werden knapp 44.000 Zuschauer. Das ist für spanische Verhältnisse nicht viel, selbst für sevillanische nicht. Nach dem städtischen Stadion mit Tartanbahn und jenem von Betis belegt man nur Rang drei der andalusischen Hauptstadt. Aber Größe ist nicht alles. Von jeher macht man Dinge in Sevilla nicht größer, sondern prinzipiell anders.

Das beginnt schon mit dem Gründungsmythos der Stadt. Der Legende nach soll nämlich ausgerechnet Herkules die Stadt am Unterlauf des Guadalquivir gegründet haben. Es folgten Phönizier, Römer und für lange Zeit Mauren, also zum Islam konvertierte Berber aus Nordafrika. Erst im Zuge der Reconquista wurden sie vertrieben, hinterließen der Stadt aber ihren kulturellen Charakter. Heute hat man den Eindruck, ihre Nachfahren kommen langsam zurück. Mit Torjäger Youssef En-Nesyri, Goalie Bono, Oussama Idrissi und Munir El Haddadi hat man vier Marokkaner im Kader. Sie geben der Truppe ihren speziellen Flair, der keinesfalls ein Zufallsprodukt, sondern vielmehr ein sorgfältig zusammengetragenes Mosaik ist. Sein Künstler nennt sich Monchi. Früher war er Keeper bei Sevilla, seit gut 20 Jahren ist er Sportdirektor und das, unterbrochen von einem dreijährigen Intermezzo in Rom, ebenfalls bei seinem Heimatklub. Im Ausland als harter Verhandler berüchtigt, ist er in Sevilla als Mastermind der Jugend- und Scoutingarbeit bekannt. Er soll ein Netzwerk von 700 Scouts über den ganzen Globus gesponnen haben, das immer wieder Schnäppchen wie einst Dani Alves erhaschen konnte. Entdecken liegt eben in der sevillanischen Kultur. Von hier aus reisten auch Amerigo Vespucci, der Namensgeber Amerikas, und Ferdinand Magellan in die weite Welt.

Gehetzt durch die andalusische Sonne

Sevilla gilt als eine der heißesten Städte Europas. 47,2 Grad wurden dort am 1. August 2003 gemessen. Das ist der zweithöchste jemals gemessene Wert auf unserem Kontinent. Auch die einzige warme Trockenwüste Europas liegt in unmittelbarer Nachbarschaft. Vielleicht hat man auch deshalb seit Jahren ein 4-3-3 kultiviert, das durch sein Flügelspiel besticht. Gegner werden mit Wechselpässen geschunden, bis sie sich in Müdigkeit fast ergeben.

Nicht nur deshalb spielen Mannschaften ungern gegen die Truppe von Julen Lopetegui. Seine Cracks sind, ähnlich wie jene von Atletico Madrid, keine Kinder von Traurigkeit und wissen um den Einsatz von Hüfte, Ellenbogen und psychologischer Kriegsführung. So wird man nicht erst dort, so wird man schon verpflichtet. Dirty Player Erik Lamela kam diesen Sommer aus London, passte perfekt ins Profil und schlug ein wie eine Granate. Drei Tore erzielte in drei La Liga-Partien. Ob der schwächelnden Konkurrenz im letzten Jahr wurde man auf halbem Weg zu den Titelfavoriten gezählt. Auch in diesem Jahr könnt man meinen, dass sich Sevilla im Gegensatz zu den Big Three verbessert hat und daher fast schon Front Runner sein müsste.

Liga und UEFA Champions League sind für gewöhnlich aber zwei verschiedene Dinge. Obgleich man nach sechs UEL-Triumphen der unangefochtene King des zweitgrößten Wettbewerbs ist, war die UCL bislang eher ein Biss in die andalusische Bitterorange. Zwei Viertelfinaleinzüge waren das höchste der Gefühle.