Capaldios aus der Pampa

„Salzburger Halbzeit“ mit Nicolas Capaldo

Über 12.000 Kilometer Luftlinie trennen Argentinien und Österreich. Es war also ohne Frage kein leichter Schritt für Nicolas, als er vor einigen Monaten die Reise in die Mozartstadt antrat.

„Beide“ lautet seine schlichte Antwort auf die Frage, wer für ihn der größere argentinische Fußballheld sei – Messi oder Maradona? Die Diskussionen in seiner Heimat, und auch weltweit, zu dem Thema lassen Nicolas eher kalt. Am wichtigsten ist einfach nur das runde Leder:

Fußball ist eine Religion. Messi und Maradona sind natürlich zwei absolute Legenden. Trotzdem gibt es auch viele andere Sportarten, in denen Argentinien ebenfalls großartige Athleten hervorgebracht hat, ob im Tennis oder zum Beispiel im Basketball jemand wie Manu Ginobili.

Und auch wenn er in seiner Freizeit gerne mal die internationalen Basketballgeschehnisse verfolgt, so war es von Anfang an der Fußball, mit dem er durch die Straßen dribbelte. Aufgewachsen weit abseits der großen Ballungsräume, hatte der junge Nicolas damals in der argentinischen Provinz La Pampa kaum etwas anderes im Kopf:

Mit fünf oder sechs Jahren war ich bei uns zum ersten Mal in der Fußballschule. Aber ich habe auch sonst immer mit meinen Freunden auf der Straße gespielt. Wir haben ein paar Steine als Tore hingelegt und ohne Ende gespielt. Im Sommer kamen die Mütter dann meistens irgendwann kurz vor Mitternacht und haben uns reingeholt, weil wir endlich ins Bett sollten. Wir hätten sonst wahrscheinlich die ganze Nacht durchgespielt. Meine Eltern haben sich immer geärgert, dass meine Füße so schrecklich aussahen, weil wir unter anderem stundenlang barfuß auf Asphalt gespielt haben.

Die ersten großen Schritte in Fußballschuhen machte der heutige Mittelfeldspieler dann im Alter von 15 Jahren. Er verließ seine Heimat und zog ins knapp 600 Kilometer entfernte Buenos Aires, um in der Jugendabteilung der legendären Boca Juniors seinen Traum von der Karriere als Profifußballer zu verwirklichen. Es war die erste große Prüfung – weg von der Familie und aus der ländlichen Region, rein in die Metropole mit 13 Millionen Einwohnern:

Das Problem war weniger der Unterschied zwischen den Städten. Es war generell einfach schwierig, mit 15 Jahren seine Familie zu verlassen, und meine erste große Herausforderung, was den Fußball anbelangt. Ich kannte Buenos Aires schon vor meinem Wechsel, weil ich dort auch Verwandte habe, die wir früher mal besucht hatten. Aber das tatsächliche Leben in dieser riesigen Stadt war damals trotzdem absolut neu für mich. Ich bin ja eher mit viel Landwirtschaft, vielen Bauern und viel Rinderzucht in der Nähe aufgewachsen. Eben das typische Kleinstadt-, wenn nicht sogar Dorfleben.

Nicolas bahnte sich den Weg durch die Jugendabteilungen der Boca Juniors, bis er schließlich bei den Profis ankam und mit 20 Jahren dort sein Debüt feierte. Fans gaben ihm früh den Spitznamen „Capaldios“, eine Wortmixtur aus seinem Nachnamen und dem spanischen Wort „Dios“ für „Gott“. 65 Pflichtspiele sollten es in seiner Zeit bei den Blau-Gelben werden, 2020 gab es zudem den nationalen Meistertitel. Aus fußballerischer Sicht prägt die argentinische Hauptstadt aber vor allem ein ganz besonderes Duell: Boca Juniors gegen River Plate. Ein Aufeinandertreffen, das keinen geringeren Titel als „Superclasico“ trägt:

Das sind natürlich die größten Vereine im Land, und man träumt als Kind davon, bei einem davon zu spielen. Es ist einfach ein besonderes Spiel. Schon lange im Vorfeld wird viel darüber gesprochen. Man gibt viele Interviews, es herrscht eine gewisse Anspannung, es gibt Sticheleien. Aber mit dem Anpfiff wird es zu einem Spiel wie jedes andere auch: Man will einfach nur gewinnen.

Im Sommer dieses Jahres war es so weit und Nicolas wagte den nächsten Karriereschritt ins ferne Europa. Einzelne Länder hatte der südamerikanische Abräumer hier zuvor schon auf privaten Reisen kennengelernt, Österreich war ihm aber gänzlich neu:

Meine ganze Familie war glücklich, aber auch sehr aufgeregt. Als der Vertrag unterschrieben war, wurde allen bewusst, dass wir jetzt wirklich sehr weit voneinander entfernt leben müssen. Das war schon schmerzlich in diesem Augenblick. Von Tag zu Tag hier im Verein und in der Stadt fühlte ich mich aber immer wohler. Bei den ersten Schritten, als ich hierhergekommen bin, hat mich mein Vater begleitet. Vom Medizincheck über die Einführung in den Klub bis hin zum Einrichten der Wohnung war er hier. Meine Mutter und meine Schwester haben mich auch schon besucht und meine Freundin war jetzt ebenfalls für längere Zeit aus Argentinien hier.

Auf dem grünen Rasen der Red Bull Arena ist der junge Argentinier mittlerweile bestens angekommen. Hier entdeckte der sonst eher defensiv agierende Nicolas sogar seine Offensivkünste und schoss uns beispielsweise mit dem ersten Profitor seiner Karriere in der Bundesliga gegen Hartberg zum Sieg. Unserem Sportdirektor Christoph Freund war von Anfang an klar, dass sein Stil gut zu uns passen würde und hatte deshalb beim Wechsel eine kurze Eingewöhnungszeit prognostiziert:

Klar, es war insgesamt eine sehr große Umstellung. Auch vom Fußball her. In Argentinien war ich es nicht gewohnt, 90 Minuten lang gegen den Ball zu arbeiten, 90 Minuten lang den Gegner mit Pressing unter Druck zu setzen. Natürlich braucht man da ein bisschen Zeit, aber von Tag zu Tag kam ich mehr rein und jetzt bin ich voll in unserer Philosophie drinnen.

Auch abseits des Platzes waren Umstellungen gefragt. Schon rein sprachlich, doch auch die Mentalität war für Nicolas eher ungewohnt.

Das Leben in Argentinien und Österreich ist einfach komplett unterschiedlich. In Argentinien ist es ganz normal, dass man sich nach dem Spiel in der großen Runde verabredet und zum Beispiel gemeinsam grillt. Die Leute suchen viel mehr die Gesellschaft als hier. In der Kabine bin ich allerdings auch noch eher ruhiger, weil zum Teil schon noch eine gewisse Sprachbarriere da ist. Was aber nicht heißt, dass ich nicht für Späße mit meinen Kollegen zu haben bin.

Vergrößert wird die Herausforderung durch den Umstand, dass unser Kader nicht gerade vor Lateinamerikanern strotzt. Zu unserem brasilianischen Verteidiger Bernardo hat Nicolas deshalb gleich einen besonders guten Draht entwickelt:

Natürlich ist unser Integrationsbeauftragter Ratinho eine wichtige Bezugsperson für mich. Im Team ist es vor allem Bernardo. Er kann gut Spanisch und hat auch nette spanischsprachige Kontakte hier. Ich versuche aber ebenso, mich mit den Leuten auf Englisch zu unterhalten und meine Sprachkenntnisse ständig zu verbessern. Das ist mir wichtig. Aber Bernardo ist für mich außerhalb des Platzes einfach eine Bezugsperson geworden, die mir ein bisschen Heimatgefühl gibt.

Abgesehen von der Sprache erfüllt Nicolas eigentlich die wichtigste Voraussetzung für eine rasche Integration in unserer Ski-Nation Österreich, denn auch wenn er ihn seit einigen Jahren ruhen lässt, um keine Verletzung zu riskieren, so ist der Wintersport doch eine große und langjährige Leidenschaft von ihm:

Ich bin als Kind in meiner Heimat oft Ski gefahren. Allerdings nur, bis ich zirka 15 Jahre alt war. Nach meinem Wechsel zu den Boca Juniors war es mir aus vertraglichen Gründen nicht mehr möglich. Die Berge hier reizen mich aber schon. Wenn mein Papa mich nächstes Mal besucht, möchte er hier in den Alpen auch unbedingt auf die Skier.