Unser Kö(h)niglicher Rückhalt

„Salzburger Halbzeit“ mit Philipp Köhn

Im Fußball kann alles sehr schnell gehen, Philipp ist ein echtes Paradebeispiel dafür. Letztes Jahr noch in der zweiten Schweizer Liga, ist er nun unser Rückhalt in der Königsklasse.

Über Torhüter wird oft gesagt, dass sie Einzelgänger wären. Doch wer Philipp und seinen vierbeinigen Begleiter Sam gemeinsam erlebt, wird vom Gegenteil überzeugt. Ein Roter Bulle und ein Golden Retriever, seit Mai 2020 ein unzertrennliches Traumduo:

Durch meine Oma bin ich mit einem Hund aufgewachsen, deshalb war es immer schon mein Traum, mal einen eigenen zu haben. Durch die Coronazeit gab es dann auch mehr Möglichkeiten mit dem Training, weil man, gerade wenn sie noch ganz klein sind, viel mehr daheim sein muss. Insofern war das einfach der perfekte Zeitpunkt für mich und mit ihm auch die perfekte Wahl. Er ist unglaublich lieb zu allen, will überall dabei sein und bringt immer gute Laune mit.

Für gute Laune dürften bei Philipp die letzten Monate auch aus fußballerischer Sicht gesorgt haben. Im direkten Zweikampf um die Torhüter-Position setzte sich der Deutsch-Schweizer gegen Nico Mantl durch und feierte am 1. August dieses Jahres sein Pflichtspieldebüt für uns. Nur wenige Wochen später folgten die erfolgreiche Qualifikation für die UEFA Champions League sowie zwei starke Auftritte in der Gruppenphase gegen Sevilla und Lille. 

Es ging alles sehr schnell. Aber natürlich war es schon irgendwo mein Plan, dass es so sein wird. Ich bin schließlich hierhergekommen, um zu spielen. Vor der Saison war ja der Austausch schon da, wo mir gesagt wurde, dass ich eine realistische Chance auf die Stammposition habe. Ich konnte auch aus der Schweiz einiges an Spielpraxis und Erfahrung mitbringen. Von daher wusste ich, was ich kann, und habe einfach alles dafür gegeben, dass ich das jetzt hier auf den Platz bringe.

Sein Wechsel 2018 in die Mozartstadt stand dabei noch unter keinem guten Stern, da ihn das Verletzungspech zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt heimsuchte. Noch in Leipzig zog er sich einen Riss am Meniskus zu. Aus der Reha ging es dann direkt in die neue Umgebung, jedoch fehlte die Spielpraxis. Diese bekam er schließlich mit einer einjährigen Leihe im Heimatland seiner Mutter. Beim Schweizer Zweitligisten FC Wil übernahm der heute 23-Jährige die Rolle als Stammgoalie. Dabei hat er sich nicht nur auf dem Rasen weiterentwickelt:

Neben dem Platz bin ich auch noch mal gereift. Selbstständig war ich zwar schon hier, aber ich denke, wenn man dann alleine in ein anderes Land geht, ist das noch was ganz anderes. Meine Freundin ist in Österreich geblieben und wir haben uns dann nur alle paar Wochen gesehen. Was die Infrastruktur angeht, sind wir hier in Salzburg ja auf einem sehr hohen Level. Da habe ich mal wieder die andere Seite gesehen, aber auch da gelernt, mich durchzubeißen.

Selbstständigkeit, Reife und Durchhaltevermögen waren bei Philipp generell schon früh gefragt, als er, raus aus dem Elternhaus, ins weit entfernte Stuttgart zog, um dort das Fußballinternat zu besuchen:

Mit knapp 14, 15 Jahren zu sagen, man geht von zu Hause weg, ist nie einfach. Aber in so einem Internat kommt man gut an. Die anderen Jungs machen ja alle das Gleiche durch. Die gemeinsame Zeit schweißt dementsprechend zusammen, und ich habe heute noch mit vielen von damals Kontakt.

Geboren und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, die Mutter aus Lausanne in der Schweiz und Club-Stationen in allen drei DACH-Ländern. Der Begriff Heimat ist in Philipps Fall gar nicht so einfach zu definieren:

Bei mir ist das wirklich schwierig. Man könnte sagen, dass meine Heimat da ist, wo ich geboren wurde. Aber ich bin jetzt schon so lange weg von zu Hause. Heimat ist für mich jetzt eigentlich Salzburg. Ich fühlte mich hier extrem wohl, schon bevor ich in die Schweiz gegangen bin. Und da es jetzt ja auch sportlich sehr gut läuft, denke ich, dass das Gesamtpaket für mich echt super ist. Da, wo ich herkomme, aus der Nähe von Düsseldorf, hat man eher das Stadtleben. Das ist zwar auch schön, aber gerade jetzt mit meinem Hund Sam ist es deutlich schöner, diese vielfältige Natur zu haben.

Für unseren Torhüter ist es vor allem wichtig, auch abschalten zu können. Dabei bleibt es aber meist sportlich

Zum Beispiel mit Tennis, wenn es vom Training und den Spielen reinpasst. Jetzt war ich auch mal mit Antoine (Anm.: Bernede) ein paar Golfbälle abschlagen. Wir waren auswärts in Hartberg und haben dort einen Golfplatz gesehen, da sind wir auf die Idee gekommen. Generell mache ich einfach gerne Sport und kann mich schnell für etwas begeistern. Formel 1 schaue ich mir richtig gerne an und war dieses Jahr in Spielberg deshalb auch zum ersten Mal bei einem Rennen.

Dass Philipp auch über den fußballerischen Tellerrand blicken kann und möchte, spiegelt sich in seinem Engagement für soziale Themen wider. Dieses soziale Bewusstsein war auch einer der Gründe, weshalb bei seinem Wechsel nach Salzburg unser Kapitän Andi Ulmer für ihn schnell sowohl zur Bezugsperson als auch zum Vorbild wurde:

Er ist natürlich schon lange im Team dabei und dadurch gerade für neue, junge Spieler eine Person, an der man sich hochziehen kann. Aber er engagiert sich auch immer neben dem Platz, zum Beispiel für Wings for Life. Das finde ich cool, dass es bei ihm nicht nur um Fußball geht.

Philipp bekam schon als kleiner Junge mit auf den Weg, dass es wichtig ist, sich für andere einzusetzen. Deshalb leitete er als 19-Jähriger auch ein ganz persönliches Projekt in die Wege und schickt seither immer zur Weihnachtszeit zahlreiche Kisten an die Fußballschule „Escolinha de Futebol Revelacao“ im brasilianischen Joao Pessoa. Von Trikots über Fußballschuhe bis hin zu Tormannhandschuhen – Philipp möchte, dass die Nachwuchskicker trotz armer Verhältnisse alles Nötige zum Fußballspielen haben:

Das hat sich alles ganz spontan entwickelt. Ich war damals in Brasilien und wollte mal ein bisschen die Orte außerhalb der großen Stadt sehen. So bin ich eben auf die Fußballschule dort gekommen. Es ist wirklich schön, zu erleben, wie sich die Dinge dort in letzter Zeit zum Positiven entwickelt haben. Die Kinder vor Ort haben da jetzt viel mehr Möglichkeiten.

Zurück auf dem Fußballplatz in Salzburg wird klar, dass unser Goalie mit seiner technischen Spielstärke auch Möglichkeiten außerhalb der Torhüter-Position gehabt hätte. Zu Beginn seiner Fußballkarriere, bei den Bambini in Dinslaken, lief er sogar noch als Stürmer auf. Ob er das Toreschießen von damals vermisst? Philipp muss da nur lachen und meint: 

Es ist theoretisch ja immer noch möglich! Aber ich verhindere lieber die gegnerischen Treffer.