2017 und 2020: Aus dem gallischen Dorf wurde eine Metropole

Wir befinden uns in der Saison 2016/17. Ganz Europa ist von internationalen Topteams besetzt … ganz Europa? Nein! Eine von unbeugsamen U19-Kickern bevölkerte Stadt hört nicht auf, in der UEFA Youth League Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die zahlreichen großen Mannschaften, die von ihrer Vormachtstellung überzeugt waren und Salzburg im Vorbeigehen besetzen wollten. Der Beginn eines Fußballmärchens, das das Potenzial hat, auch in 100 Jahren noch erzählt zu werden …

Es war einmal eine Mannschaft, so erzählt man sich, gespickt mit tollen Einzelspielern, geeint durch Teamgeist, verankert durch Bodenständigkeit und Demut. Von ihrer Existenz wussten wenige, doch ungeachtet dessen zogen sie in die weite Welt hinaus. Auf eine internationale Reise, deren grandiosen Verlauf niemand zu prognostizieren gewagt hätte. Das Ziel „im Bewerb zu überwintern“ klang realistisch, zumal man um die eigenen Qualitäten wusste, auch wenn der große Nachweis hierfür auf internationaler Bühne noch fehlte. Die zweite Teilnahme an der UEFA Youth League, sie begann zu Hause, gegen den nordmazedonischen Landesmeister Vardar Skopje. Nervosität machte sich breit. Doch das 5:0 entspannte die Gemüter, ja, es versetzte sie in Euphorie. Speziell einer tat sich hervor: Amadou Haidara, feines Füßchen, diesmal furios, zeigte mit zwei herrlichen Weitschusstoren ungekannte Fähigkeiten. Das Rückspiel in Mazedonien war Formsache, 3:0, trocken wie der ägäische Südwind. Daniel Antosch, heute Kapitän der UEFA Youth League-Mannschaft, erinnert sich noch daran: „Wir wussten nichts über den Gegner, es gab kaum Videomaterial zur Vorbereitung. So auch über Kairat Almaty, unseren nächsten Gegner. Noch überraschender waren die minus 20 Grad beim Rückspiel in Kasachstan.“ Der Besuch in der eiskalten zentralasiatischen Steppe war nach der 8:1-Gala im Heimspiel nur noch lästige Pflicht. Eine Rumpftruppe erspielte einen 1:0-Sieg, humorlos wie das Wetter. Im besagten Hinspiel erzielte Mergim Berisha beachtliche fünf Treffer – noch heute kann er sich an jeden einzelnen davon erinnern.

Nächster Halt: Play-off. Ein ganz Großer steigt zu, grimmige Miene, klingender Name. Ihm aus Ehrfurcht der Platz überlassen? Das kam für uns gar nicht infrage. Manchester City bekam die volle Breitseite ab. Unserem Momentum gerade so gewachsen, retteten sie sich ins Elfmeterschießen. Beim Gedanken daran stockt Mergim Berisha noch heute der Atem. Seinen Penalty vergeben, drehte er schon mit frustriertem Gesicht heimwärts ab. Doch Goalie Grimshaw hatte bei seiner Parade die Linie verlassen. Ähnlich lasch, mit gefühlt Puls 200+, kullerte der Ball im zweiten Versuch in die Maschen. „Die Gedanken, die ich damals hatte, behalte ich lieber für mich. Wir waren einfach überglücklich. Der Jubelhaufen und die ganzen Emotionen waren echt überwältigend“, blickt der Offensivspieler noch einmal retour. Die Brust wurde breiter, das Selbstvertrauen größer, der Glaube an das ganz große Ding setzte sich in den Köpfen fest.

Auch die Erwartung schien grenzenlos. Im Achtelfinale gegen Paris Saint-Germain spielte man uns die Favoritenrolle zu. Taktische Kniffe von Marco Rose sollten den Franzosen den Zahn ziehen. 5:0, the Hype was real. Gewonnen war allerdings noch nichts, der Mythos „Final Four“ in Nyon aber nur einen weiteren Sieg entfernt. Vor 5.380 Zusehern ging es in der Red Bull Arena gegen Atletico Madrid zur Sache. Daniel Antosch feierte just an seinem 17. Geburtstag sein Debüt in der UEFA Youth League. Stammgoalie Bartlomiej Zynel war kurzfristig erkrankt. Ein Nachmittag, der wohl nie in Vergessenheit geraten wird: „Das Gefühl, wenn man an seinem 17. Geburtstag sein Debüt in so einem wichtigen Spiel feiert, man durch den Spielertunnel hinausgeht und so viele Zuschauer Krach machen, ist noch immer schwer in Worte zu fassen. Dass die Partie dann noch so verlief, war schwer fassbar. Danach war auch uns Spielern klar, dass da im Finalturnier alles möglich ist.“ Übrigens, die Partie endete nach Treffern von Igor und Hannes Wolf mit 2:1 für uns.

Das Gepäck am Rücken, den Blick zuversichtlich nach vorne, ging es für die Jungbullen zum „Final Four“ nach Nyon. Direkt neben dem Hauptquartier des europäischen Fußballverbandes, einquartiert im selben Hotel wie die drei anderen Teams. Ein besonderes Flair, mit einem Touch olympisches Dorf, gepaart mit riesigem, medialem Interesse, für die meisten zum ersten Mal. Einer, der im letzten Moment noch in den Flieger in die Schweiz gestiegen ist, war Patson Daka. Im Winter erst nach Salzburg gekommen, hatte er sich schnell zurechtgefunden und sollte in Nyon eine nicht unwesentliche Rolle einnehmen. Noch heute schwärmt Patson über diese sehr spezielle Zeit: „Wir haben gemeinsam richtig schöne Momente geschaffen. Uns war bewusst, dass unser Jahrgang nur einmal diese großartige Chance auf einen Titel in diesem Bewerb haben würde. Wir Spieler hatten mit den Trainern Spaß, haben die Zeit genossen, haben es aber auch geschafft, total konzentriert zu sein. Bei uns ist schnell das Gefühl entstanden, dass es eine besondere Phase in unserer noch jungen Karriere ist und wir gemeinsam etwas Großes schaffen können, für uns persönlich und für unseren Klub.“ 

Im Halbfinale gegen Barcelona lagen wir 0:1 zurück, ehe nach 60 Minuten die Stunde des Patson Daka schlug. „Der Trainer hat mir gesagt, dass heute mein Tag ist. Ich soll an meine Stärken glauben und allen da draußen zeigen, was ich kann und warum ich nach Salzburg geholt wurde. Und es ist uns als Team gelungen, diesen Nachmittag zu einem ganz speziellen zu machen.“ Unmittelbar nach seiner Einwechslung glichen wir gegen die Blaugrana aus. Es kam noch dicker. Nur wenig später vergab Patson einen Sitzer. „Ich habe da eine große Chance vergeben, war am Boden zerstört. Meine Mitspieler haben mich aufgebaut, mir Mut gemacht und mir klargemacht – du wirst noch eine Chance vorfinden.“ Und als wäre es Eingebung gewesen, schoss sich der Sambier zum großen Matchwinner. 2:1, Flickflack mit Salto und Schraube inklusive. „In dem Moment sind bei uns allen die Gefühle wie ein Vulkan ausgebrochen. Der Jubel ist dann so passiert. Früher haben wir das auf der Straße mit meinen Freunden bei geschossenen Toren oft trainiert. Ich war dankbar dafür, was in der Vergangenheit passiert ist, und wollte in diesem Moment, dass es ein Teil dieses großartigen Erfolges ist“, erzählt Patson immer noch sehr emotional.

City, PSG, Atletico, Barca, sie alle konnten uns nicht stoppen. Der Finalgegner lautete Benfica Lissabon. Wie schon im Semifinale mussten wir auch hier einem frühen Rückstand nachlaufen, ehe es erneut der Sambier war, der uns mit einem wuchtigen Kopfball zurück ins Rennen brachte. Wenige Minuten später sollte Alexander Schmidt mit seinem ersten Saisoneinsatz den großen Traum vom Titelgewinn verwirklichen. Freudentränen, Gefühlsausbrüche und eine große Portion an Emotionen waren der Wegbegleiter für den restlichen Tag.

Namhafte Sportler, Verbände, Politiker und sogar der österreichische Bundespräsident, sie alle beglückwünschten unser Team. Ein Denkmal für den heimischen Fußball, das in Form der Lennart-Johansson-Trophäe für die Ewigkeit in unserem Trophäenkabinett verweilen wird.

Aber wie es im Leben so ist, sind die Erfolgsgeschichten jene, die man am liebsten wiederholt. Eine im Kollektiv starke Mannschaft überstand die erstmalige Gruppenphase, schaltete im Elfmeterschießen den Titelverteidiger FC Porto aus und feierte im Achtelfinale gegen den englischen Meister Derby County einen klaren Heimsieg. Nicht nur daran kann man Parallelen erkennen. „Eigentlich ist es verblüffend, wenn man die Mannschaften von 2017 und 2020 vergleicht. Auch wenn unterschiedliche Charaktere am Werk sind, fühlen sich viele Dinge gleich an. Wir haben ein überragendes Trainerteam, haben als Mannschaft Spaß. Wir sind mit den Aufgaben gewachsen, und es hat sich wieder eine richtig positive Dynamik entwickelt. Für mich wäre eine erneute Teilnahme am Finalturnier aber spezieller als in der Vergangenheit, weil ich in dieser Saison mehr einbringen konnte als damals. Aber wir wissen auch, dass wir nun im Viertelfinale noch einen richtigen Brocken vor der Brust haben – das nehmen wir an und werden erneut alles reinlegen, was wir im Tank haben“, gibt Daniel Antosch die Richtung für das Viertelfinale vor. In dieselbe Kerbe schlägt auch Patson Daka: „Auch heuer gibt es wieder eine richtig gute Mannschaft, die das Zeug und die Qualität hat, unseren Erfolg zu wiederholen. Es ist kein Zufall, dass sie so weit gekommen sind, der Glaube und die harte Arbeit haben sich ausgezahlt. Es gibt für die Jungs nur ein Limit, sie selbst – sie können es bis zum Ende durchziehen, davon bin ich überzeugt.“

Wir hätten es nicht schöner sagen können. Wenngleich wir weitere Parallelen zugunsten unserer Nerven gerne auslassen würden. Ein Sieg gegen Olympique Lyon, und das Ticket für das „Final Four“ wäre wieder gebucht. Das allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht auch gar nicht, denn das Coronavirus treibt auch mit der UEFA Youth League sein kühnes Spiel. Mit Sicherheit kurios, wie diese Geschichte 2020 auch immer zu Ende geschrieben wird.