Wie wir herausragende Talente finden

Scout – das ist das englische Wort für Pfadfinder, einen militärischen Kundschafter und ein Schultaschenhersteller. Und weil wir gerne die unbetretenen Pfade beschreiten, um mit Tonnen an Know-how im Gepäck in die Schlacht zu ziehen, brauchen wir Scouts. Numerisch kommt unser Scoutingdepartment sehr bescheiden daher, jenes von Weltklubs ist fünfmal so groß. Wie kommt es also, dass man uns nachsagt, eines der besten Scoutingsysteme Europas zu haben? Was unterscheidet einen guten Scout von einem schlechten? Und was machen unsere Scouts eigentlich den ganzen Tag? Wir haben einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Scouting – das ist schockierend viel Arbeit. Es sind meterhohe Datenberge, Terabytes an Videoclips und Tage auf feuchtkalten Sportplatztribünen. Kurz gefasst: Es ist ein Knochenjob, für Lob, das man im besten Fall drei Jahre später bekommt. Denn ein Scout muss sehen, was der Stammtischexperte nicht sieht. Und will er als guter Scout gelten, muss er es früher sehen als seine Kollegen. „Wir wollen so früh wie möglich und so schnell wie möglich junge, hochtalentierte Spieler entdecken und verpflichten“, nicht geringer fällt die Job Description für einen Scout beim FC Red Bull Salzburg aus. Was das konkret bedeutet? Man stelle sich vor, man begebe sich auf eine dreispurige Autobahn.

In der ersten Spur beginnen wir zu beschleunigen. Sie steht für den Einstieg, die unmittelbare Umgebung, in der wir durch Talentetage und regionales Scouting versuchen, die besten Jungkicker ausfindig zu machen. Doch dieser Talentepool ist enden wollend. Irgendwann stoßen wir sozusagen auf einen kriechenden LKW und wechseln auf die Überholspur. Die zusätzliche Geschwindigkeit dafür holen wir von europäischen Talenten. Ab einem Alter von 16 Jahren können Youngsters innerhalb der EU verpflichtet werden. Das Gedränge um sie ist natürlich groß, obgleich das Risiko, dass aus dem Talent niemals ein Profikicker wird, gegeben ist. Aufgrund dieser Ungewissheit investieren Topklubs nur zögerlich. Wir begreifen das als Chance, verweisen auf unser hervorragendes Umfeld, zeigen dem Spieler Stadion und die kooperierte Akademie. Die jüngsten Verpflichtungen von Bryan Okoh, Maurits Kjaergaard und Benjamin Sesko sind die besten Beispiele dafür, dass dieser Zugang fruchtet. Sie alle sind handverlesene Talente. Den Transfermarkt im Stil eines Mähdreschers abzuernten, verbietet uns unsere Philosophie. Europäische Toptalente sollen punktuell den Kader verstärken, wo es uns an einheimischer Qualität mangelt. Sie sind das Schlagobershäubchen auf der Torte. Um auf dieses noch eine Dekorkirsche zu setzen, wechseln wir auf unserer fiktiven Autobahn auf die dritte Spur.

Ab einem Alter von 18 Jahren können alle Spieler weltweit verpflichtet werden. Schnell zu handeln, hat sich schon in den Fällen von Diadie Samassekou und Amadou Haidara – sportlich wie wirtschaftlich – bezahlt gemacht. Wie jede gute Autobahn hat auch unsere fiktive Leitplanken. Das Alter von 23 Jahren beschränkt in der Regel unsere Transferaktivitäten. Bei der Verpflichtung von Spielern schießen wir nicht über diese Leitplanke hinaus. Einen Pannenstreifen gibt es natürlich schon. Treffenderweise nennt man den auf Englisch „Hard Shoulder“. Das passt zu unseren Ü23-Kickern Andre Ramalho und Zlatko Junuzovic, die ob ihrer Führungsqualitäten unseren Youngsters eine stützende, starke Schulter offerieren können. Das bleibt aber die Ausnahme, die bekanntlich die Regel bestätigt.

Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn jeder Transfer bedarf eines Scoutingprozesses. Und der beginnt im Regelfall schon lange, bevor ein Transfer zum Thema wird, geschweige denn vonstattengeht. Am Anfang jedes Scoutings steht die Frage nach dem „Was?“. Welche Art Spieler soll verpflichtet werden? In den meisten Fällen bestimmt das der Trainer oder der Sportdirektor im Alleingang. Nicht bei uns, da steht das Leitbild an erster Stelle. Jede Position, vom Goalie bis zum Stürmer, hat einen eigenen Anforderungskatalog. Darin geht es um ein aggressives Spielverständnis, schnelles Umschaltverhalten und eine positive Mentalität. Wer entspricht, kommt in die nähere Auswahl. Allein für diesen Prozess müssen Abertausende Kicker gesichtet werden. Das machen unsere Scouts vor dem Computer. In ihrer Datenbank befinden sich 400.000 Spieler.

Vor den Bildschirmen gewinnen unsere Scouts bereits ein sehr detailliertes Bild. Wie vertikal ist die Spielanlage, wie aggressiv das Verhalten nach Ballverlusten? Es gibt aber auch Dinge, die man einfach nicht sehen kann. Daher ist „Video-Scouting und Pitch-Scouting“ keine Entweder-oder-Frage, sondern das wohl beste Duo seit Bud Spencer und Terence Hill, eine Symbiose. Pitch-Scouting erlaubt den Blick abseits der Kameralinse. Was macht der Kicker während Spielunterbrechungen? Wie wärmt er sich auf? Kein Detail ist zu absurd. Hat das Talent diesen Lackmustest positiv bestanden, landet sein Name auf der sogenannten Endscoutingliste, die nach Prioritäten gestaffelt ist. Der absolute Wunschspieler auf der jeweiligen Position belegt Platz eins, die nachfolgenden Spieler nach ihrer Qualität die folgenden Plätze.

Dieses Produkt tagelanger Arbeit verharrt nun in der Schreibtischlade und wartet auf einen Moment – dass Sportdirektor Christoph Freund durch die Tür kommt und sagt: „Wir brauchen einen neuen Innenverteidiger!“ Dann geht es schnell, denn die aufwendigen Scoutingprozesse sind bereits getan. Alle Zahnräder setzen sich in Bewegung und in der Regel schüttelt unsere Neuverpflichtung binnen Tagen unseren Geschäftsführern die Hände und grinst unterschreibend in die Kamera der Pressevertreter. Das war dir zu schnell? Wie Transfers funktionieren, kannst du hier nachlesen.

Scouting getan? – Keineswegs! Denn jetzt geht es um die perfekte Entwicklung und zu ebendieser gehören immer öfter auch Leihgeschäfte. Auf diesen sind die wachsamen Augen unserer Scouts den Spielern wieder ständige Wegbegleiter. Eine Leihe kann vieles sein. Ein Auslandssemester zur Persönlichkeitsentwicklung, ein Bootcamp für Spielzeit oder der Heimataufenthalt für das Quäntchen Selbstvertrauen. Darüber, ob die Leihe auch wirklich diesen Zweck erfüllt, befindet der Scout. Schließlich muss es schnell gehen. Zu unserem Verständnis von Transfers gehört eine Chance für Youngsters genauso wie deren gewinnbringender Weiterverkauf. Buy-and-Sell-Strategie nennt das der Kenner. Sie ist mitunter der größte Kritikpunkt an unserem Leitbild. „Verkaufen ist nur schlimm, wenn man nicht adäquat ersetzen kann“, meint unser Head of Recruitment Christopher Vivell dazu. Und er hat recht. Die Staffelübergabe hat, trotz teilweise mangelndem Vertrauen der Öffentlichkeit, in den letzten Jahren immer hervorragend funktioniert.


Worin begründet sich dieser stetige Erfolg? Wissen, kurze Entscheidungswege und Glück. Es ist nicht nur das geballte Wissen im Scouting-Kämmerchen in der Red Bull Arena, es ist dessen Verwendung, das glückliche Händchen, vielleicht auch das gewisse Etwas. Ganz sicher aber die Kontinuität und das Vertrauen in unser Leitbild, das wir täglich mit Eifer verfolgen.