Torschützen: Haaland (40., 72.) bzw. Mertens (17., 64.), Insigne (73.)

Eine abermals tolle, aber unbelohnte Leistung lässt frustrierte Burschen zurück. Nicht Klasse oder Glück entschieden heute zugunsten der Neapolitaner. Es war Routine.

Spielbericht

Stutzen hochgezogen, erwartender Blick Richtung Schiedsrichter, ein Pfiff – die Achterbahnfahrt ging los! Und das rasant, denn Napoli diktierte von Beginn an das Tempo. Nach nicht einmal einer Minute machte Dries Mertens aus dem Diktat einen Test und prüfte Cican Stankovic aus kurzer Distanz, doch der bestand. Napoli versuchte sich fortan in Ballbesitzspiel, wir in frühem Stören des ebensolchen. Dann plötzlich ein Aufschrei. Erling Haaland zimmerte das Leder in die Maschen. Das Stadion tobte. Doch es war nur der vermeintliche Führungstreffer, denn Schiedsrichter Turpin entschied auf Abseits, obwohl der Ball vom Gegner kam. Es dürfte sich laut Regelbuch nicht um eine neue Spielsituation gehandelt haben.

Unsere Nerven zappelten, und bald auch unser Netz. Malcuit war auf der rechten Seite durchgebrochen, flankte auf Callejon, der mit Köpfchen direkt in den Lauf von Mertens, der das Leder ohne langes Heckmeck aus spitzem Winkel zwischen das Gebälk zimmerte (17.).

Das setzte Adrenalin frei, das sich in Angriffsmut manifestierte. Erling Haaland wurde zwei Mal wunderschön freigespielt, bei seinen Abschlüssen aber entscheidend gestört, sodass die Führung Napolis Fortbestand hatte. Gegen Minute 30 schraubte die SSC ihre Pressing-Bemühungen weitestgehend zurück. Die Neapolitaner standen tief, was unserem vertikal-gedrillten System nicht wohl bekam. Immer wieder konnten uns die Azzurri locken. Die resultierenden Konter aus tiefen Positionen waren stets gefährlich. Mertens versuchte, Stankovic mit einem Heber aus gut 50 Metern zu überraschen. Unser Keeper knöchelte beim Abwehrversuch so unglücklich um, dass die Partie für ihn gelaufen war. Carlos Coronel kam zu seinem ersten Champions League-Einsatz.

Die zunehmende Passivität kam die Italiener aber teuer zu stehen. Hee Chan Hwang empfing in aller Seelenruhe das Leder am linken Flügel. In bester Garrincha-Manier vernaschte er Kevin Malcuit, dem nur noch der Trikot-Zupfer blieb. Völlig zu Recht entschied der französische Schiedsrichter auf Penalty. Den tremmelte Erling Haaland in den Kasten (40.). Der Ausgleich noch vor der Pause. Das war enorm wichtig – drei Euro ins Phrasenschwein.

Halbzeit zwei – und ein völlig anderes Bild. Die Mannschaften agierten defensiv verhalten, besannen sich auf Ballbesitz und bei Verlust ebendieses auf tiefes Verteidigen. Max Wöber hatte sich gefühlt bei einer Tasse Kaffee den Ball zurechtlegen und ihn per Luftpost an Patson Daka senden können, der einhechtete und den Ball nur knapp neben das Tor setzte.

Dann kam Emotion rein, viel Physis, ein ausschlagendes Stimmungsbarometer, sogar Jesse Marsch holte sich die Gelbe Karte ab. Die Konzentration litt unter dem Geschnitze. Torraumszenen waren Mangelware.

Getäuscht von der scheinbaren Lethargie ließen wir die SSC gewähren. Wieder war es Dries Mertens, der mutterseelenallein am zweiten Pfosten aufgetaucht war und umgehend den Abzug betätigte. Bumm – da stand es 1:2 (64.). Die Reaktion: Eine Auswechslung, Majeed Ashimeru für Daka. Aus dem real-taktischen Dreiersturm wurde ein Zweierangriff, dafür gab es mehr Power aus der zweiten Reihe.

Nach einem Eckball recycelte Ashimeru den Ball zu Zlatko Junuzovic, der das Leder noch einmal in die Box drillte. Erling Haaland stand am zweiten Pfosten und nickte ein. Wir waren wieder da (72.). Doch noch während die Tormusik lief, setzte es eine böse Überraschung. Aus einem Strafraumgetümmel ging der eingewechselte Lorenzo Insigne als Sieger hervor. Coronel hatte aus kurzer Distanz gegen den Neapolitaner keine Chance (73.).

Die Ausgleichsbemühungen waren uns anzumerken, doch Zählbares brachten die unkreativ-frustrierten Angriffe nicht ein. Napoli saß sattelfest im Driving Seat. Das nennt man in deren Fall wohl Routine, in unserem Lehrgeld. Bezeichnend, dass wir in den letzten 15 Spielminuten fast alle Spielanteile hielten, aber keine klare Torchance verbuchen konnten. Napoli erfüllte alle Klischees einer italienischen Mannschaft.

Über 90 Minuten war kein merklicher Qualitätsunterschied erkennbar, und doch muss man von zwei Klassen sprechen. Die Italiener verstanden es, uns mit ihrer Routine die Schneid abzukaufen und uns eine herbe Niederlage zuzufügen. Die erste seit 2016 in heimischen Gefilden.

FC Salzburg vs. SSC Neapel

Statements

Jesse Marsch

Es war wieder ein lehrreicher Abend für uns. Napoli war nicht nur ein starker, sondern auch ein abgezockter Gegner. Wir haben schon gegen Genk und Liverpool zu viele Tore bezogen. Heute haben wir wieder zu viele Treffer kassiert. Das ist nicht gut genug, wenn du in der Champions League eine Rolle spielen willst. Wir haben noch genug Zeit, um die Lehren, die wir aus den letzten Spielen gezogen haben, in die Tat zu bringen.

Carlo Ancelotti

Es ist alles so gelaufen wie geplant. Wir haben erwartet, dass wir für den Sieg über 90 Minuten werden leiden müssen. Unser Plan war es, kompakt zu stehen und zu kontern. In der ersten Halbzeit waren wir phasenweise zu tief. In der zweiten Halbzeit haben wir es besser gemacht. In Summe waren wir mit Salzburg auf Augenhöhe, Nuancen haben den Ausschlag gegeben.

Wechsel

Coronel für Stankovic (33.), Ashimeru für Daka (68.), Koita für Mwepu (89.)

Gelbe Karte

Haaland (45.+2)

Nicht einsatzbereit

Bernede (Schienbein), Farkas (erkrankt)