Was ist ein Integrationsmanager? Wir haben mit drei „guten Seelen“ gesprochen, die bei den Roten Bullen über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg dafür sorgen, dass in der Mannschaft ein gutes Klima herrscht.

Na, seid ihr auch gerade aus dem Urlaub zurückgekommen? Die meisten von Euch waren sicher irgendwo am Meer in Kroatien, Spanien, Italien oder an der Cote D'Azur. Manch einer war vielleicht sogar in einem etwas exotischeren Land. Vielleicht ist euch das eine oder andere „Hoppala“ passiert oder ihr seid in Situationen gekommen, wo ihr Euch gewünscht hättet, einen Menschen an Eurer Seite zu haben, der Euch hilft, sich in deR Fremde zurechtzufinden. 

Diejenigen unter euch, die schon mal ein Auslandssemester gemacht oder beruflich länger in einem fremden Land gearbeitet haben, werden Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Problemen gemacht haben, die immer dann auftreten, wenn man mit der Sprache und Kultur eines Landes nicht vertraut ist. Für Fußball-Profis gehört das zum normalen Alltag, aber das heißt nicht, dass es das für Spieler einfacher macht.

Im Gegenteil: In vielen Topvereinen in Europa, speziell in der deutschen Bundesliga, ist es keine Seltenheit, dass unter dem gängigeren Begriff „Übersetzer“ qualifizierte Menschen eingestellt werden, die nicht nur im sprachlichen sondern auch im administrativen und zwischenmenschlichen Bereich internationalen Spielern helfen und vermitteln. Sogenannte „Integrationsmanager“ zu beschäftigen ist im modernen Profi-Fußball keine ungeheuerliche Extravaganz, kein Schnickschnack und kein übertriebener Luxus, sondern eine unabdingliche Notwendigkeit, die immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Beim FC Red Bull Salzburg sind in der Kampfmannschaft und im Nachwuchsbereich aktuell 16 Nationen vertreten, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen und verschiedenen Religionen angehören. Um einen reibungslosen Ablauf im Trainingsalltag und im Mannschaftsgefüge zu gewährleisten, braucht es daher auch manchmal Vermittler, Brückenbauer und Menschen mit Lebenserfahrung, die Missverständnisse beseitigen, Hilfestellung bei Problemen geben und Disharmonien perfekt ausgleichen.

Dragan, Mustapha und Yuki

Es gibt keine einfache Jobbeschreibung, die das Tätigkeitsfeld eines Integrationsmanagers oder Integrationsbeauftragten bei einem Fußballverein genau definiert, denn diese ist auf Grund des breiten Spektrums sehr komplex. Heruntergebrochen auf die Eckpfeiler ist das Dolmetschen und der Spracherwerb nur ein Teil der Arbeit von Mustapha Mesloub, Dragan Radovanovic und Yuki Miyazawa, die gemeinsam beim FC Red Bull Salzburg diese wichtige Funktion ausüben:

Dragan Radovanovic:

Neben dem Dolmetschen, dem Erlernen der deutschen Sprache bzw. dem fußballspezifischen Vokabular helfen wir dabei, neue Spieler in die Mannschaft zu integrieren, unsere Spielphilosophie und die Spielidee bzw. auch die Kultur zu vermitteln und vice versa auch im Gegenzug unsere Spieler für die Kultur der neuen Spieler zu sensibilisieren, denn Integration ist ein Prozess, der auf Gegenseitigkeit beruht. Außerdem kümmern wir uns um eine Vielzahl an administrativen Dingen wie Banken-, Finanz-, Versicherungs- und Steuerwesen und helfen den Spielern bei der Wohnungssuche, bei Behördenwegen und der Organisation von Kinderbetreuungsplätzen. Das setzt natürlich voraus, dass wir uns in diesen Bereichen auch sehr gut auskennen, denn wir beraten und unterstützen unsere Spieler dabei, ihr Leben bestmöglich zu organisieren.

Und selbst damit ist es oft nicht getan:

Wenn also ein Spieler wie Paulo Miranda gerne fischen gehen möchte, braucht er zunächst Unterstützung dabei eine Fischerkarte zu beantragen, die landes- oder gewässerspezifischen Regeln zu erlernen, das notwendige Zubehör zu besorgen und so weiter.

Dragan Radovanovic ist aktuell das prominenteste Gesicht mit dem wir diese Funktion in der Mannschaft des FC Red Bull Salzburg verbinden. Immer an der Seite von Oscar Garcia übersetzt er auf Punkt und Beistrich die Worte seines Trainers bei TV-Interviews und Pressekonferenzen. Das erfordert aber nicht nur sprachliche Fähigkeiten, sondern bedingt auch absolutes und bedingungsloses gegenseitiges Vertrauen, Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt. Nur ein Wort im falschen Moment widersprüchlich interpretiert könnte große negative Konsequenzen mit sich bringen und ist manchmal eine echte Gratwanderung.

Dragan erkannte seine Vorliebe für Sprachen und das Kennenlernen von neuen Kulturen schon in seiner Jugend und hat in dieser Zeit auch eine für seinen späteren Beruf wichtige Fähigkeit gelernt:

Als Kind mit Migrationshintergrund und einer guten Schulausbildung bist du automatisch immer Ansprechperson für die unterschiedlichsten Dinge, und so kam es, dass ich schon sehr früh vielen Menschen, die wie meine Eltern aus Jugoslawien, der Türkei oder einem anderen Land nach Österreich eingewandert sind, und Probleme damit hatten, Behördenwege zu erledigen, geholfen habe. Ich hatte schon sehr früh mit Dingen wie Aufenthaltsbewilligungen, Arbeitserlaubnis, Wohnungsbeihilfe, Pensionsanträgen und dergleichen zu tun.

Zum FC Red Bull Salzburg kam er im Sommer 2012 und wurde zunächst als Dolmetscher für Jonny Soriano eingestellt, aber sehr schnell stellte sich heraus, dass er mit seinen zahlreichen Zusatzqualifikationen der idealtypische Integrationsmanager ist.

Mustapha Mesloub arbeitet seit 25 Jahren für den Verein, ist somit der dienstälteste unter den Integrationsbeauftragten und ist nicht nur auf Grund dessen eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Umfeld des Vereins. Begonnen hat er als Nachwuchstrainer und arbeitete hauptberuflich für Porsche in der Qualitätskontrolle. Doch aus dem anfänglichen Zweitberuf als Nachwuchstrainer wurde für den gebürtigen Algerier schnell eine Berufung. Er hängte seinen gut bezahlten Job in einer sicheren Branche an den Nagel und wurde hauptberuflich Trainer in der Akademie des FC Red Bull Salzburg. Mit seiner Lebenserfahrung, seiner verbindenden Art und seinem unbeirrbar positiven Charakter ist er ein unverzichtbarer Kommunikator und soziales Bindeglied zwischen Mannschaft, Trainer und Verein. Mit jedem seiner Schützlinge verbindet ihn ein sehr starkes Band, denn gerade sensible Spieler wie Sadio Mane, Naby Keita bzw. Dayot Upamecano und Diadie Samassekou (um nur einige zu nennen) brauchen ein familiäres Umfeld und den Rückhalt der Gemeinschaft – auch außerhalb des Teams. Nicht ohne Grund finden wir, dass in Mustaphas Jobbeschreibung stehen müsste: gute Seele und Ersatz-Papa!

Fixe Arbeitszeiten gibt es in diesem Beruf nicht, denn unsere Integrationsmanager betreuen ihre Schützlinge – und nicht nur diese – rund um die Uhr:

Wenn unsere Spieler nicht da sind, weil sie zum Beispiel beim Nationalteam sind, dann sind wir trotzdem bei der Mannschaft und beim Training, denn wir sind für alle gleichermaßen da und helfen, wenn jemand unsere Unterstützung braucht. Denn nur, wenn unsere Jungs den Kopf frei haben und nicht das Gefühl haben, alleine zu sein, dann können sie auch eine gute Leistung auf dem Platz bringen. Es gibt oft Situationen, wo wir gefordert sind ein Problem in der Gruppe zu lösen, und das geht nur, wenn wir sehr nahe am Team und an jedem einzelnen Spieler dran sind. Wir sind dann auch so etwas wie Motivatoren, Mediatoren oder Vermittler. 

Einer seiner Schützlinge ist Dayot Upamecano, der zu den international gefragtesten Toptalenten in Europa zählt und von namhaften Topvereinen gescoutet wurde. Seine Eltern haben sich dennoch entschieden, ihn in Salzburg spielen zu lassen, weil sie davon überzeugt waren, dass ihr Kind nicht nur sportlich in guten Händen ist, sondern auch, mit allem was notwendig ist, dabei unterstützt wird, sich auch persönlich weiterzuentwickeln.

Man muss sich das so vorstellen, dass du zum Beispiel wie Dayot mit 17 Jahren in ein fremdes Land kommst, ohne Eltern, ohne Freunde, ohne die Fähigkeit die Sprache zu sprechen und ohne die Lebenserfahrung, die man vielleicht braucht, um sich in einer fremden Gesellschaft zurechtzufinden. Ohne Hilfe würde sich so ein Spieler schnell verloren fühlen und könnte nicht die Leistung bringen, die von ihm erwartet wird. Für die meisten Spieler, deren Motivation vielleicht nur war, dass sie viel Geld verdienen, ist das meist der Knackpunkt in einer Karriere. Für Dayot war die fußballerische Entwicklung ausschlaggebend für einen Wechsel nach Salzburg, und wir helfen ihm dabei, dass er sich hier wohlfühlt.

Yuki Miyazawa kam vor einem Jahr zu den Roten Bullen und betreut unsere japanischen Spieler Takumi Minamino und Masaya Okugawa bzw. auch den Koreaner Hee Chan Hwang. Gebürtig aus Kyoto, wo er auch Sportmanagement und Sportpädagogik studierte, kam er vor einigen Jahren nach Deutschland, um dort als Fußballtrainer zu arbeiten und wurde vom 1. FC Köln im Profibereich beschäftigt:

Als ich nach Köln kam, konnte ich kein Wort Deutsch und habe durch die Arbeit mit den Kindern auf dem Platz die Sprache erlernt. In der Schriftsprache tue ich mir selbst noch etwas schwer, aber als Fußballtrainer habe ich so natürlich die fußballspezifischen Begriffe verinnerlicht und das ist für den Job hier in Salzburg von enormer Wichtigkeit.

Vor etwas mehr als einem Jahr kam über einen persönlichen Kontakt die Verbindung zu Red Bull Salzburg zustande und Christoph Freund bot ihm die Stelle als Integrationsmanager bei den Roten Bullen an. Darüber hinaus ist Yuki auch im Scouting-Bereich für den Verein tätig. Die asiatische Kultur unterscheidet sich schon sehr von der westlichen Kultur und das hat nicht nur mit dem Essen und der Sprache zu tun, sondern ganz besonders auch mit der Erziehung.

Die größte Schwierigkeit in meiner Arbeit besteht oft nicht so sehr im sprachlichen Bereich sondern hat eher damit zu tun, dass meine Schützlinge – also Takumi, Masaya und Hee Chan sich schwertun Emotionen zu zeigen, weil ihnen das so in der asiatischen Gesellschaft anerzogen wurde. Einer unserer Spieler ist sehr schüchtern, hat große Schwierigkeiten damit ein Problem anzusprechen und behält seine Gefühle tief in sich. Das aber ist in einer Fußball-Mannschaft eher problematisch, daher versuche ich ihm zu vermitteln, dass es okay und gut ist, seine Gedanken und Zweifel mit dem Trainer oder den Teamkollegen auszusprechen. 

Der Koreaner Hee Chan Hwang zählt ebenfalls zu den Spielern, die Yuki betreut, allerdings hat der junge Stürmer neben seinen fußballerischen Qualitäten ein weiteres interessantes Talent:

Hee Chan Hwang ist ein ganz außergewöhnlicher und disziplinierter Charakter, denn er hat in sehr kurzer Zeit erstaunlich gut Deutsch sprechen gelernt und benötigt meine Hilfe fast nur im privaten Bereich. Er ist aber auch sehr selbstständig und findet sich in der Gesellschaft und in der Mannschaft sehr gut zurecht.
 

Dragan, Musti und Yuki sind also die guten Seelen beim FC Red Bull Salzburg und aus dem Verein bzw. dem Mannschaftsgefüge der Roten Bullen nicht mehr wegzudenken. Mit ihrer Arbeit stehen sie aber auch sinnbildlich für unsere geänderten Lebensumstände, den Wandel in der Gesellschaft und die zukünftigen Herausforderungen, die uns auf Grund der Zuwanderungsproblematik in ganz Europa beschäftigen. Integration und Menschlichkeit werden in unserem täglichen Leben immer wichtiger. Wie erfolgreiche Integration im Arbeitsumfeld und in der Gemeinschaft funktionieren kann, haben unsere drei Integrationsmanager bereits mehr als eindrucksvoll bewiesen und leisten dahingehend sogar ein wenig Pionierarbeit.

Dragan Radovanovic:

Wir sprechen immer von Spielern, aber es sind in erster Linie Menschen, die aus einem fremden Land hierherkommen und sich erst einmal an alles gewöhnen müssen: an das Essen, das Klima, die Mentalität, an die Kultur etc. und wir helfen, wo wir können, damit sie sich hier schnell wohl und zu Hause fühlen und um nichts sorgen müssen. 

Wir Möchten uns an dieser Stelle für das großartige Engagement von Mustapha, Dragan und Yuki bedanken, denn neben ihrer Qualifikation bringen sie mit ihrer Empathie, ihrem Feingefühl und ihrer Menschlichkeit etwas in unser Mannschaftsgefüge ein, das man mit Geld nicht kaufen und an Wissen nicht erlernen kann.