Eight weeks and counting – Antoine Bernedes Rückkehr ist in vollem Gange, wir zeigen dir seine Route.

Einmal Hiobsbotschaft und zurück. Eine Verletzung lässt Fußballer von der Bildfläche verschwinden. Bis sie wieder zurück sind, interessieren sich wenige für sie. Die Wenigen, die es dafür umso intensiver tun, können Karrieren verändern. Wir waren Wegbegleiter auf Antoine Bernedes steinigem Weg zurück.

Knack, da war es passiert. Schmerzverzerrtes Gesicht, ein Griff an das Schienbein, das war’s wohl, für längere Zeit. Diagnose: Schienbeinbruch! Für Antoine Bernede ist es die erste Verletzung größeren Ausmaßes. Sie hält die Karriereuhr an, lässt dafür die biologische umso schneller ticken. Zwei bis drei Monate muss er nun in Spitalzimmern, Physioräumen und Kraftkammern schmoren. Die Frage „Wann bist du wieder zurück?“ als ständiger Wegbegleiter. Was macht das mit einem Fußballer? Und was macht der Betreuerstab, damit er wieder das machen kann, was ihm am meisten Spaß macht?

„Ich hatte Schmerzen. Immer! Bei jeder Bewegung, beim Sitzen, sogar beim Schlafen“, Antoine erlebt die schwersten Tage gleich zu Beginn. #Comebackstronger wird im Trainingszentrum Taxham an die Wand tätowiert. Der Blick geht nach vorne, doch er schweift in die ferne Zukunft. Das Bein fest in die Kunststoffschiene gezurrt, humpelt Antoine auf zwei Krücken über das Trainingsgelände. Von diesem Zustand stärker zurückkommen? Er nimmt es mit Galgenhumor.

Auch wenn man es nicht glauben mag, das ist die wichtigste Phase einer Verletzung. Während man Normalsterblichen zu Bettruhe rät, ist Antoine vier bis fünf Stunden täglich in Therapie und Training. Das ist nicht Hast à la Rocky Balboa, sondern Logik. Wer wenig verliert, muss wenig zurückgewinnen. Sprich: Trainiere alle Muskelgruppen, die du trotz deiner Verletzung trainieren kannst. Nichts blöder, als wenn Antoine nach einem Schienbeinbruch durch Faulheit der Bizeps erschlafft.

Deshalb sitzt er dieser Tage für Stunden an der Handkurbel, eine Art Ergometer für die Arme. So hält er sein Ausdauerlevel. Für die Grundlagenausdauer ist es nämlich ganz gleich, ob sie über Gestrampel oder Gefuchtel trainiert wird. Solange bei einer andauernden Tätigkeit eine gewisse Menge Lactat erzeugt wird, geht die Ausdauer nicht verloren. Training ist aber nicht der einzige Weg der Muskelstimulation. Essen ist die andere. Um es direkt zu sagen, sind Verletzungen die perfekte Gelegenheit, um fett zu werden. Die Rechnung ist einfach: Weniger Bewegung bei gleicher Nahrungszufuhr führt zu Problemen, falsche Nahrungszufuhr ebenso. Darum gibt unsere Ernährungsberaterin Anja Horina einen Ernährungsplan vor, der sich in drei Bausteinen determiniert: Timing, Qualität, Quantität. Gemeint sind dabei hauptsächlich Proteine beziehungsweise deren Einzelteile, die Aminosäuren. Durch die richtig getimte und dosierte Zufuhr von guten Proteinen kann selbst ohne Training die Muskelprotein-Synthese aufrechterhalten werden – soll heißen, der Muskel schwindet langsamer.

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, aber in einer Nacht zerstört. Als Antoine zum ersten Mal seine Schiene abnimmt, erinnert der Anblick an die italienische Hauptstadt. Die linke Wade: Beast, die rechte Wade: Hendlhaxn. Unser Reha-Trainer Ralf Neumann sieht viel Arbeit vor sich. Das Sprunggelenk ist steif, die Wade kaum vorhanden. Der Rest ist nach dem besagten Training aber gut in Schuss. Der Athletikraum ist Antoines zweites Wohnzimmer. Langsam wird er wieder an die Belastung herangeführt. Der Muskel braucht die Belastung zwecks Wachstum, der Knochen zwecks Dichte. Wie viel schon geht, ist eine tägliche Ermessensentscheidung. Antoine sagt uns, dass er gegen Liverpool zurück sein möchte. Ob das geht oder nicht? Wer weiß? Ein Genesungsweg ist mit Höhen und Tiefen gepflastert, jedoch nicht mit Garantien. Das kann ernüchtern. Jeden Tag sieht Antoine seine Kameraden auf dem Platz trainieren, während er allein für sein Comeback schwitzt. So nah und doch so fern, es ist eine Zerreißprobe.

„Wenn du fit bist, bist du Spieler. Wenn du verletzt bist, bist du Kämpfer. Mir hat das zunächst nicht gefallen. Aber ich bin zum Kämpfer gereift, ein charakterbildender Prozess.“ Für Antoine gab es nur zwei Optionen: verzweifeln oder wachsen.

Seinen Kampf bestreitet er von nun an auf untypische Weise. Er lernt das Gehen. Sein Partner: AlterG. Ein Hightechgerät auf Basis eines Laufbands, das die Erdanziehungskraft verringern kann. Mit 30 Prozent seines Körpergewichts kann sich Antoine jetzt in gemächlichem Tempo wieder an Bewegungsabläufe gewöhnen. Mit der Zeit wird er „schwerer“ und schneller, bis er wieder wie gewohnt laufen kann. Er vermisst den Fußball, und der vermisst ihn. Stolz erzählt er, wie ihn Sylvain Ripoll (Anm.: Trainer der französischen U21) sogar an einem Matchtag angerufen hat, um sich nach seinem Genesungszustand zu erkundigen. Es sind die raren Momente, nach denen es verletzten Spielern dürstet. Die Momente, in denen sie das Gefühl haben, dass sie die Welt nicht vergessen hat und das Comeback nah ist. Dafür arbeitet Antoine jeden Tag. Wir freuen uns auf seine Rückkehr!