„Salzburger Halbzeit“ mit Big Earl

23 Scorer-Punkte in elf Spielen, Hattrick in der ersten UEFA Champions League-Begegnung, bester Spieler der ersten Runde der KönigsCLasse und aktuell Führender der Torschützenliste im wichtigsten internationalen Mannschaftsbewerb der Welt sowie unter den Golden Boy Top 20. Für viele Leute klingt das wie ein unglaublicher Traum, das Gefühl etwas Außergewöhnliches im jungen Alter von gerade einmal 19 Jahren geschafft zu haben, aber bei Erling Haaland scheint es eher „daily business“ zu sein! In der Länderspielpause waren wir mit dem Norweger, der immer für einen Spaß gut ist, auf dem Wahrzeichen der Stadt Salzburg – der Festung Hohensalzburg – und haben schnell gemerkt, dass der Erfolgslauf nicht auf Zufall beruht.

Das mediale Interesse, als wir im August 2018 die Verpflichtung von Erling Haaland – einem hochtalentierten norwegischen Spieler, der von internationalen Topklubs gejagt wurde – kommunizieren konnten, war riesig. Auch die Erwartungshaltung, die dem bulligen Stürmer bei seinem Amtsantritt im Januar 2019 in Salzburg von außen entgegengebracht wurde, war nicht weniger groß. Big Earl fand sich schnell zurecht, performte in der Vorbereitung richtig gut, fand sich im ersten halben Jahr jedoch meist nur in der Zuschauerrolle. Der Klub wollte mich unbedingt haben – Christoph (Anm.: Freund) und Johannes (Anm.: Jahns) haben mir in jedem Gespräch dieses Gefühl vermittelt und mir den Weg und die Möglichkeiten hier in Salzburg aufgezeigt. Es wurde klar kommuniziert, dass das erste halbe Jahr für mich schwer wird und ich die Zeit zur Anpassung brauchen würde, aber dass ich ab dem Sommer eine wichtige und tragende Rolle in der Mannschaft einnehmen sollte. Die Verantwortlichen haben Wort gehalten, das imponiert mir – ist im Fußball nicht immer so. Ich habe das so in Kauf genommen, und es hat sich in allen Belangen bezahlt gemacht, blickt unsere Tormaschine, die jeden Tag hart an sich arbeitete und in jedem Training alles rausholte, was der Körper hergab, auf seinen Start zurück, gibt gleichzeitig einen Status zur aktuellen Situation: Ich war mir sicher, dass diese Saison meine Saison werden würde. Ich bin mir bewusst, dass ich sehr wichtig für die Mannschaft bin und ihr helfen kann. Bislang konnte ich das bestätigen. Wir haben ein hungriges Team, agieren hoch konzentriert und sind allesamt stolz und wissen zu schätzen, was wir hier in Salzburg haben. Wir können gemeinsam international und national heuer sehr viel schaffen und bewegen.

Erling ist auf seine Art und Weise verrückt, aber im positiven Sinn. Er hat auf der einen Seite seinen klaren Weg vor Augen, ordnet ihm alles unter und hält den Fokus hoch, wirkt allerdings auf der anderen Seite oftmals total gelassen, genießt den Moment und liebt es, Späße zu machen. Dieses persönliche Zusammenspiel, gepaart mit seinen wichtigsten Bezugspersonen, funktioniert prächtig und bestätigt seinen Weg. Wenig überraschend ist sein Vater, der gleichzeitig die Rolle des „besten Freundes“ und des „Managers“ einnimmt, der wichtigste Mensch an seiner Seite. Die Kombination ist optimal. Er deckt alle relevanten Bereiche ab, hilft mir in jeder Situation weiter. Mein Vater hat viel selbst erlebt, kann mir demnach wichtige Tipps geben, die mich besser machen und als Person noch mehr stärken. Gut, dass ihm Salzburg so gefällt und er oft vor Ort ist. Ich habe echt das Glück, viele Menschen mit tollem Charakter um mich herum zu haben, weiß der 194 cm große Offensivspieler das zu schätzen. Es hat sich schon in frühen Jahren herauskristallisiert, dass Erling in Sachen Sport viel Talent hat und es kaum etwas gab, was er nicht konnte. „Es gibt wenige Ballsportarten, die ich nicht kann. Aber Golf zählt nicht zu meinen bevorzugten Dingen, da bin ich nicht gut“, klärt er auf, lässt andererseits eine lustige Anekdote mit einem breiten Grinser folgen: Klingt jetzt wohl etwas lustig, aber ich war jahrelang Rekordhalter der unter Fünfjährigen im Standweitsprung. Keine Ahnung, warum man auf die Idee kommt, sowas zu messen, aber da war ich scheinbar viel besser als alle anderen. Das zieht sich so durch mein Leben, und das versuche ich jetzt auch im Fußball.

Was aber die wenigsten wissen, ist, dass er auch sehr viel auf die Meinung seines in Molde lebenden Freundes Alexander hält. Er ist es auch, der für Erlings Spezialbrille am Abend auf gewisse Art und Weise verantwortlich ist: Wir versuchen immer, alles besser zu machen und suchen nach Dingen, die mir guttun und mich noch besser machen. Alexander hat mir am Abend zu einer Brille geraten, die das Blaulicht vom TV bzw. Handy filtert. Das wirkt sich positiv auf das Schlafhormon Melatonin aus – ich habe somit einen besseren Schlaf, und mein Körper regeneriert so besser. Er kennt sich in diesen Bereichen richtig gut aus, hat sich zu einem tollen Freund entwickelt, und ich vertraue ihm da. Es ist wohl eine Kleinigkeit im Gesamtpaket, aber zeigt den Charakter des Norwegers und sagt sehr viel über seine Einstellung zu seinem Beruf aus.

Erling Haaland lebt ein Leben, das anders ist als bei anderen Personen in seinem Alter. Seine positive Fußball-Begeisterung, sein Wille, Dinge voranzutreiben, hat sich früh gezeigt. Aber warum wurde er eigentlich Stürmer, nicht ein defensiver Mittelfeldspieler wie sein Vater? Ganz einfach: Das war mir schnell zu langweilig, ich wollte mit Dynamik nach vorne spielen und Tore schießen. Daher war schnell klar: Ich werde Stürmer! Klingt nach einem konkreten Plan, auch wenn nicht immer alles einfach war. Zwischen dem 16. und 17. Lebensjahr wuchs er beachtliche 12 Zentimeter. Das veränderte sein Spiel, er musste sich und seinen Körper neu finden. Und wenn man zurückblickt, hat er das tadellos geschafft. Big Earl, wie er in Salzburg liebevoll genannt wird, steht aktuell bei der Golden Boy-Auszeichnung unter den Top 20, was ihn anfangs sehr gefreut hat, aber nach den letzten Monaten nicht mehr überrascht: Es ist was Spezielles, mit Spielern, die man meist nur vom TV kennt, auf einer Liste zu stehen. Ich war am Anfang schon zufrieden, wie ich gehört habe, ich bin unter den besten 100. Dann habe ich angefangen, richtig gut zu spielen und konnte viele wichtige Tore schießen. Von dem her ist das jetzt nicht mehr ganz so überraschend, verrät er uns mit einem Augenzwinkern.

Zum Abschluss wollen wir nun noch einmal auf die UEFA Champions League zu sprechen kommen, die, wie es aussieht, der Bewerb des Erling Haaland werden könnte: Mich haben die Spiele in der Champions League immer schon fasziniert, und die Hymne ist seit meiner Kindheit ein treuer Wegbegleiter. Nun bin ich ja ein Teil davon, höre sie als Spieler im Stadion – einfach unbeschreiblich. Manche halten mich ein wenig für verrückt, dass ich die Hymne im Auto oder bei mir zu Hause höre. Es pusht mich und hat das Potenzial, mein Lieblingssong für das restliche Leben zu werden, klärt der Norweger auf, der es liebt, mit den eigenen Fans auf dem Platz zu interagieren (Sie kommen, um guten Fußball zu sehen und unterhalten zu werden.) und in seiner Freizeit entspannt auf Foto- und Autogrammwünsche seiner Fans reagiert. Die Symbiose Fans und Spieler ist ihm sehr wichtig und ein entscheidender Erfolgsfaktor. Diese Energie, die von den Fans – speziell bei Heimspielen – auf die Akteure am Platz wirkt, ist wohl ein Mitgrund, warum wir in unserer Heimfestung seit fast drei Jahren nicht mehr verloren haben. Daher haben wir an diesem Nachmittag mit Erling Haaland bewusst die Festung Hohensalzburg ausgewählt, als Symbol für unsere unglaubliche Serie in der Red Bull Arena, die wir nun auch gegen SSC Napoli fortführen wollen! Bislang ist Erling ein Teil einer Mannschaft, die schon jetzt mit der erstmaligen Teilnahme an der KönigsCLasse Geschichte geschrieben hat, einen unfassbar emotionalen 6:2-Heimsieg gegen Genk einfahren konnte und auch die Stars vom FC Liverpool, die ja bekanntlich Titelverteidiger in diesem Bewerb sind, ordentlich zum Schwitzen brachte. Wir haben gezeigt, dass unsere Mannschaft in diesen Bewerb gehört und wir gegen jeden Gegner bestehen und was mitnehmen können, gibt der bekennende Zlatan Ibrahimovic-Fan zum Abschluss klar die Marschroute für die verbleibenden vier Spieltage vor. Eines hat Erling mit seinem Idol gemeinsam: Von Zlatan kann man sich viele Dinge abschauen, speziell im mentalen Bereich. Er hat bei jedem Klub gezeigt, dass er der Beste ist. Das beeindruckt mich wirklich. Das ist auch mein Anspruch!

Es liegt an diesen Spieltagen einfach etwas Magisches in der Luft. Es knistert irgendwie und es glitzert in den Augen der Fans und in denen der Spieler. Es sind Abende, an die man sich wohl ein ganzes Leben erinnern wird. Abende, von denen man wahrscheinlich noch seinen Enkelkindern berichten wird: „Ich war damals in Salzburg dabei, als wir in der UEFA Champions League Napoli zu Hause …!“