Ein Blick hinter die Kulissen – recherchiert und zuerst erschienen im Innovator

Die Red Bull Fußball Akademie in Liefering ist eines der fortschrittlichsten Ausbildungszentren der Welt – mit einem unerreichten Output. Ein exklusiver Rundgang durch unsere kooperierende Fußball-Talentschmiede.

Zur Red Bull Fußball Akademie fährt man durch ein ländliches Idyll, eine von Bäumen gesäumte Landstraße entlang, links fließt die Saalach, ein wenig weiter rechts die Salzach. Am Ende der über einen Kilometer langen Straße liegt das 12.000 Quadratmeter große Gelände, auf dem 200 junge Fußballtalente aus sieben Nationen in acht Jugend- (U7 bis U14) und drei Akademiemannschaften (U15, U16, U18) arbeiten, von 120 hoch spezialisierten Mitarbeitern unterstützt, die von Trainingssteuerung bis Nachspeisenzubereitung sämtliche relevanten Bereiche professionell abdecken.

Hightech-Komplex mit sechs Fußballfeldern

Es ist ein europaweit einzigartiger und einzigartig erfolgreicher Hightech-Komplex mit sechs Fußballfeldern, Fußballhalle, Kraftkammer, Athletikraum und Motorikpark, mit Sensoren, die Tag und Nacht Daten sammeln, die auf Servern gespeichert und von Computerprogrammen aufbereitet werden. Fußball wird hier nicht auf dem Stand des Jahres 2020 gedacht, sondern 2025 und darüber hinaus. Über dem Haupteingang der im September 2014 eröffneten Akademie prangen die Buchstaben: ENTER THE NEXT LEVEL.

Red Bull Fußball Akademie

Die Levels, die schon erreicht wurden, sind zahlreich. 2017 gewann die U19 die UEFA Youth League, die Champions League der Vereinsnachwuchsteams – mit acht selbst geformten Akademiespielern im Finale. 2018 erreichte der FC Red Bull Salzburg das UEFA Europa League-Halbfinale, mit sechs in der Akademie ausgebildeten Spielern in der Startformation. Nirgendwo sonst schaffen derzeit mehr Akademietalente den Sprung in Europas Topbewerbe.

Was unterscheidet Liefering von anderen Nachwuchszentren?

Regelmäßig kommen internationale Spitzenklubs nach Liefering, zuletzt Vertreter aus Deutschland und Spaniens La Liga. Was die Akademie vom Gros internationaler Nachwuchszentren unterscheidet? Die Dimensionen, die Ausstattung, das technische Know-how?

„Die Spiel- und Ausbildungsphilosophie“, sagt Manfred Pamminger, Geschäftsführer des Kooperationsklubs FC Liefering. „Die ist bei uns in Stein gemeißelt. Jeder einzelne Trainer, jeder einzelne Mitarbeiter, jeder einzelne Spieler agiert nach dieser Idee. Das macht unseren Erfolg aus.“ Es ist das Pressing, Gegenpressing und schnelle Umschalten, das die Spieler verinnerlicht haben. Es ist die Leidenschaft, die auf dem Feld und abseits davon von jedem geteilt wird. Zum Leben erweckt wird diese Philosophie mit modernster Technologie. Willkommen zum Rundgang durch die Zukunft des Fußballs.

Station 1: Der Athletikraum – Volle Kraft voraus

Sprint-Training? Selbst heute bei vielen Spitzenklubs immer noch eine Sache von mit Gewichten beladenen Schlitten, die Gewichte ungefähr geschätzt, und weil ein gleitender Schlitten weniger Widerstand leistet als ein stehender, wird Explosivität nur am Start effektiv trainiert.

In unserer kooperierenden Akademie läuft’s anders. Mit einem speziellen Sprint-Trainingsgerät, bei dem sich der Spieler einen Gürtel ums Becken schnallt, der über eine Kordel mit einer computergesteuerten Hightech-Seilwinde verbunden ist, und gegen einen exakt einstellbaren Widerstand anrennt. Der Trainer analysiert die Leistungskurve in Echtzeit am Laptop, weiß nach wenigen Läufen, bei welchem Widerstand der Spieler maximale Kraft erbringt, wann er seine Höchstgeschwindigkeit erreicht, wie lange er sie halten kann, und sogar, welcher Fuß mehr Kraft auf den Boden bringt. Die Daten dienen zum permanenten Feintuning des Trainings – und weil sie in einer Datenbank archiviert werden, dienen sie auch dazu, den Leistungsfortschritt eines Spielers über Jahre nachvollziehbar zu machen.

Manfred Pamminger sieht in dem Gerät namens „1080 Sprint“ einen der Ecksteine des Akademie-Erfolgs. „Unsere Burschen müssen extrem schnellkräftig sein, darauf ist unser Spielsystem ausgelegt. Und im modernen Fußball sind 90 Prozent aller Sprints maximal 20 Meter lang.“
Manchmal laufen die Akademie-Spieler schneller als sie können: Denn die Seilwinde ist auch so einstellbar, dass sie der Kordel keinen Widerstand bietet, sondern sie aufspult. Der Spieler, der in diesem Fall auf die Winde zuläuft, wird von ihr gezogen, beschleunigt also – und gewöhnt die Beine an neue Höchstgeschwindigkeiten.

Station 2: Der Hightech-Kraftraum – Video-Workout 2.0

Direkt neben der Laufbahn stehen 13 Arbeitsstationen für das Krafttraining. Gewichtiger Unterschied zur herkömmlichen Muckibude: Der Spieler loggt sich über das Tablet ein, spult sein Programm ab und erhält Feedback von Computer oder Trainer. Denn auf jeder Station ist ein Computer montiert, der mittels Infrarotkameras und Tablet das Training überwacht, Daten sammelt und in ein Netzwerk speist. Der Clou: Athletiktrainer können über eine Software im Büro – bei Bedarf natürlich sogar in Echtzeit – individuelle Workouts erstellen. Wenn der Trainer gerade keine Zeit hat, kann er das Video auch Stunden später am PC analysieren.

Zusätzliches Feature: Der Spieler kann seine Leistung mit Teamkameraden im Raum vergleichen. Dafür tracken Infrarotkameras die Bewegung der Hantelstangen, zählen jede Wiederholung, messen die Leistung in Watt sowie Höchst- und Durchschnittsgeschwindigkeit, mit der die Hantelstangen gezogen und gedrückt werden, in Metern pro Sekunde, und liefern zugleich Antwort auf die Frage: Wer ist der Stärkste im Jahrgang?

Station 3: Anti-Schwerkraft-Laufbahn – Auf dem Mond trainieren

Ein deftiges Tackling, eine unglückliche Drehung: Egal, wie fit man ist, Verletzungen gehören zum Fußball. Spieler müssen lernen, damit umzugehen – und vor allem müssen sie lernen, so schnell wie möglich wieder fit zu werden. Dank dem Anti-Schwerkraft-Laufband der Akademie gelingt das Comeback jetzt deutlich schneller, denn mit dem ursprünglich für Astronauten entwickelten Trainingsgerät können rekonvaleszente Sportler schon früh wieder in die Vorbereitung einsteigen – sogar wenn sie das eigentlich noch gar nicht könnten.

Pamminger: „Der Spieler trägt auf dem Laufband eine Hose, die luftdicht mit einer bis zur Hüfte reichenden Luftkammer abschließt. Ein Gebläse erzeugt darin Überdruck, was das Körpergewicht um bis zu 80 Prozent verringert.“ Eine Art Moonwalk, der den Spieler früh wieder an eine natürliche Laufbewegung gewöhnt und Regenerationstrainings im Wasser überflüssig macht. Denn mit Neigungssimulation bis 15 Grad, Rückwärtslauf-Programm und einer Höchstgeschwindigkeit von 19 km/h ist das „AlterG“ eindeutig die innovativere Reha als gemächliches Wassertreten. Auch hier gibt es ein zusätzliches Feature: Ein integriertes Gang-Analysesystem trackt Schrittlänge und -frequenz sowie Gewichtsverteilung und zeigt Fehlstellungen an.

Wer sich die Trainingsstationen in der Akademie ansieht, stellt sich relativ früh eine Frage: Wird Fußball hier noch als Mannschafts- oder bereits als Einzelsport gesehen? Die Spieler trainieren auch nach individuellen Plänen, variieren Umfang und Intensität je nach Position, persönlichen Stärken, Schwächen und Trainingszielen. Und das gilt nicht nur in puncto Athletik, sondern mehr und mehr auch im Denken, im Auffassen und Lösen von Spielsituationen sowie im Treffen von Entscheidungen. Alexander Schmalhofer, 32, Leiter Spielanalyse und Innovationsprojekte in der Red Bull Fußball Akademie, widmet sich den Bereichen, für die es oft noch keine Vergleichswerte gibt. Sein neuestes Forschungsobjekt ist der SoccerBot360. Das Trainings-Tool steht im zweiten Stock der Akademie, 50 Meter vom Athletikraum entfernt.

Station 4: Der SoccerBot360 – Fußball beginnt im Kopf

Der erste Gedanke im SoccerBot360: So geht Computerspielen in Überlebensgröße. Der zweite: Hier drinnen werden Athleten wieder zu Jungen, die den Ball gegen das Garagentor knallen. Im kreisförmigen Trainingsgerät – zehn Meter Durchmesser, neunzig Quadratmeter Spielfeld – macht man im Prinzip auch genau das, allerdings auf dem neuesten Stand der Wissenschaft.

Sechs Beamer projizieren Computerbilder an die Wand, zum Beispiel kleine Fußballtore, die der Spieler unter Zeitdruck mit Pässen treffen muss. „Die Burschen sollen schneller denken lernen, Prozesse verarbeiten und ihr Blickverhalten trainieren“, sagt Schmalhofer. Wie gut sie darin sind, trackt eine Highspeed-Kamera. Sie ermittelt, wie schnell, scharf und genau gepasst wird. Oder wie oft der schwache Fuß zum Zug kommt – denn eine hohe Trefferquote ist nur dann wirklich gut, wenn mit beiden Beinen annähernd gleich oft gepasst wird.

Verblüffend: Gerenderte Spielszenen eines Trainings oder Matchs lassen sich an die Wand projizieren und nochmals erleben. So kann man dem Spieler in einer Art virtuellem Replay Pass- und Laufwege zeigen, die er zuvor übersehen hat. Die Positionsdaten für diese Big-Data-Berechnungen sammelt ein Local-Position-Measurement-(LPM-)System, 100 Meter weiter im eigentlichen Herz der Akademie.

Station 5: LPM Indoor – Big Data in der großen Halle

Schlechtwetter? Kein Problem. Auf dem Kunstrasen der 6.000 Quadratmeter großen Halle finden nicht nur Trainings- und Bewerbsspiele statt, hier sammelt auch ein LPM-System, das exakteste Sport-Tracking-System der Welt, über acht Basisstationen die Positionsdaten aller Spieler und des Balls auf dem Feld. Und das 25 Mal pro Sekunde. Wer schlecht im Überschlagen ist: Bei 22 Spielern plus Ball sind das in 90 Minuten über drei Millionen Rohdaten. Und die sitzen, denn das LPM-System ortet auf fünf bis zehn Zentimeter genau, ist damit einhundert Mal präziser als GPS. Kombiniert man die Rohdaten, erhält man genaue Anlauf-, Highspeed- und Abbremsmeter der Spieler, aber auch technische und taktische Werte wie Passquoten und Ballbesitzzeiten.

Selbst biometrische Daten können mit dem System gesammelt werden, etwa Herz- und Atemfrequenz oder die Hauttemperatur der Spieler. Beeindruckend. Aber, so Schmalhofer: „Ich kann noch so viele Daten haben, ohne Zusammenhang helfen sie mir nicht weiter.“ Daher veredeln, interpretieren, verknüpfen er und sein Team Daten auf dem Computer, gewinnen Schlüsse und stellen ihre Analysen den Trainern zur Verfügung.

Station 6: Der Packing-Wert – Die Veredelung der Daten

Gibt es eine Erfolgsformel im Fußball? Bisher hat sie noch niemand gefunden. Aber Schmalhofer schraubt an Erfolgswahrscheinlichkeiten, etwa mit dem Packing-Wert, einem Indikator für die Effizienz im Fußball, mit dem man misst, wie viele Gegenspieler mit einem Pass überspielt werden. Der Gedanke dahinter: Ein Fußballer, der – durch Pass oder Dribbling – viele Gegner überwindet, ist ein guter Spieler. Der Wert steigt, wenn der Angreifer in Strafraumnähe ist oder dem Verteidiger den Ball durch die Beine schiebt. Auch die aktuelle Spielsituation wirkt sich aus. Packing wird seit der EM 2016 ziemlich gefeiert, ARD-Experte Mehmet Scholl sprach sogar von einem „heiligen Gral“. Statistisch gesehen punktet das Team mit dem besseren Packing-Wert zu 86 Prozent.

„Die Herausforderung ist es, Daten so zu veredeln, dass sie Trainer und Spieler interessieren und diese für sie verständlich sind.“ Das geht am besten mittels Videoanalyse, in der sich die Spieler wiedererkennen. Auch hier ist Big Data die Zukunft. Früher studierten Spiele-Analytiker den Gegner anhand von drei bis vier Spielen, kategorisierten Torchancen oder Konterszenen in einem Video und stellten die Erkenntnisse dem Trainer zur Verfügung. Heute erledigt eine in Eigenregie entwickelte Software diesen Job. Dank künstlicher Intelligenz erkennt sie Spielszenen und lernt mit jedem Spiel dazu. Der Analytiker spart sich eineinhalb Arbeitstage beim Sichten des Materials, die er jetzt in Detailanalysen steckt.

Wir sind am Ende unseres Rundgangs angelangt. Der Fußball, da ist sich Schmalhofer sicher, wird in den nächsten fünf Jahren noch flexibler, noch individueller, noch eigenverantwortlicher, noch anspruchsvoller – und all das in körperlicher, technischer und mentaler Hinsicht. „Gewinnen wird, wer künftig die besseren Entscheidungen schneller treffen kann“, sagt er. „Und sie präziser umsetzt – in der 90. Minute ebenso wie in der ersten.“