The American Dream

Die Heimat von Brenden Aaronson in unserer Serie „Dahoam“

Urban trifft auf rural, wo Brenden rein-, auf- und auswuchs. In Medford, New Jersey, wahrscheinlich war noch nie jemand von euch dort, doch das muss gar nicht sein, um zu verstehen, wie das Lebensgefühl in der 23.000 Einwohner zählenden Kleinstadt ist. Einfamilienhäuser, eines wie das andere, breite Verkehrswege, die sich durch saftig-grüne Vorgärten schlängeln, so wie man es aus Alf oder Eine schrecklich nette Familie kennt.

Alles ist sehr familiär, jeder kennt jeden. Nach der Schule sind wir immer zusammen mit dem Fahrrad durch den Ort gefahren, zu den Medford Lakes, sowas wie Zentrum und Naherholungsgebiet in einem. Am Abend ging es wieder nach Hause, ich weiß, wie im Klischee, aber es war wirklich so (lacht).

Dabei vergisst man fast ein wenig, dass das Zentrum Philadelphias nur 30 Autominuten entfernt liegt. Philadelphia, das ist eigentlich griechisch und bedeutet auf Deutsch brüderliche Liebe, was schon viel über seine Entstehungsgeschichte verrät. 1682 gründete William Penn die Siedlung als Hauptstadt der Quäkerkolonie Pennsylvania. Viele religiös Verfolgte aus dem deutschsprachigen Raum suchten in den Folgejahren dort Zuflucht, weshalb der älteste Ortsteil bis heute den Namen Germantown trägt. Von 1790 bis 1800 war Philly sogar die Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Washington, D.C. musste erst gebaut werden. Heute hat man die Stadt ein bisschen vergessen, sie steht nur noch in der zweiten Reihe und kämpft mit ihrem schlechten Image als Kriminalitätshochburg. Der größte Stolz der Stadt ist das sogenannte Philly Cheesesteak, ein Sandwich mit Rindfleisch, Käse, Zwiebeln und Paprika.

Der Hype ist definitiv real! Ich bin keine drei Monate weg und ich vermisse sie schon. Die besten gibt es bei Geno's Steaks in der 9th Street, South Philly. Das liegt in der italienischen Gegend, dort, wo auch Rocky in den Filmen sein Restaurant hat.

Auch das ist Philly. Rocky, The Italian Stallion, der etwas mürrische Außenseiter mit dem großen Herz, der die Kinoleinwände der ganzen Welt eroberte. Seine Ausdauerläufe führten ihn immer die langen Treppen hinauf zum Museum of Art. Heute sind sie nach ihm benannt, neben ihnen steht eine Statue. Die Fight City hat mit Joe Frazier und Bernard Hopkins aber auch in der realen Welt glamouröse Weltmeister gestellt. Heute regieren die Big 4, wobei Philly eine von nur 13 Städten in den USA ist, die in jeder Sportart ein Team stellen: Eagles (Football), 76ers (Basketball), Phillies (Baseball) und Flyers (Eishockey). Gleich dahinter erfreut sich Fußball steigender Beliebtheit, nicht selten war der 18.000 Fans fassende Subaru Park von Philadelphia Union vor der Pandemie ausverkauft.

Der ehemalige Leiter unserer Red Bull Akademie, Ernst Tanner, zieht bei Union als Sportdirektor die Fäden. Auch auf sein Geheiß hin hat man in den letzten Jahren eine beachtliche Akademie nach europäischem Vorbild auf die Beine gestellt. Brenden ist ihr erster Graduate, der es zu einem europäischen Topklub geschafft hat. Viele der Spieler kommen aus der Umgebung, eben aus Orten wie Medford, wo Brendens Vater Rusty seinen eigenen Klub gegründet hat.

Medford war schon immer eine Fußballstadt, die besten Teams aus dem Süden New Jerseys kommen von hier. So kam meinem Vater und einem Freund von ihm die Idee, eine Auswahlmannschaft für die besten Talente der Region zu gründen, daraus hat sich dann Real New Jersey entwickelt, eine Akademie, die schon jetzt ein hohes Renommee genießt.

Nicht nur deshalb ist Rusty der größte Einfluss in Brendens Fußballkarriere. Schon als kleiner Knirps saß er neben seinem Papa vormittags auf der Couch und verfolgte die Premier League. Er entwickelte eine Liebe zu Liverpool FC, Steven Gerrard war sein Idol. „Wegen seiner unermüdlichen Art“, meint Brenden, und es wäre gelogen, ihm Parallelen zu Stevie G abzusprechen. Woher das kommt? Harte Arbeit, eh klar. Unzählige Stunden verbrachte Brenden mit seinem jüngeren Bruder Paxten, der nun ebenfalls im Nachwuchssystem von Union kickt, im Keller ihres Elternhauses, den sie liebevoll The Players Lab tauften.

Es ist ein riesiger unausgebauter Keller, den wir mit Teppich ausgelegt haben. Im Winter sind wir oft dorthin ausgewichen, weil es im Freien ähnlich unwirtlich werden kann wie hier in Salzburg. Danach gab es Mamas Chilli, ihr definitiv bestes Gericht.

Winter im Players Lab, Sommer am Strand, Brendens Lieblingsdomizile sind klar definiert. Schon als Kind war er häufig am Strand, in Long Beach, nahe der Glücksspielstadt Atlantic City, wo er heute ein kleines Strandhaus besitzt, das er gerne mit seiner Freundin Milana besucht. Sie lernte er, wie könnte es anders sein, über den Fußball kennen. Eine gemeinsame Freundin spielte im selben Team wie sie. An ihrem 16. Geburtstag kamen sie ins Gespräch, der Rest ist Geschichte. Auch sie ist, nach langer Verletzungshistorie, wieder für das College-Team der Temple University auf dem Rasen. In ein paar Wochen steht ihr erster Besuch in der Mozartstadt auf dem Kalender, Brenden wartet schon sehnsüchtig.