Wenn ich den See seh …

Die Heimat von Masaya Okugawa in unserer Serie „Dahoam“

Nur dahoam is dahoam, wir Salzburger wissen, dass sich ein reiner Geist aus einer reinen Umgebung speist. Wo schroffes Gebirge aus klarem Wasser ragt, ist nicht nur des Mozartstädters liebstes Wochenenddomizil, sondern auch die Heimat von Masaya Okugawa.

Geboren 1996, genau 9.204 Kilometer östlich des Fuschlsees in Koka, Präfektur Shiga, einer 89.000-Seelen-Stadt, die nahe dem größten See Japans, dem Biwa liegt. Einwohnermäßig wäre es die sechstgrößte Stadt Österreichs. Für japanische Verhältnisse ist die Landgemeinde, die etwa eine Autostunde von Kyoto entfernt liegt, klein. Wobei die Autostunde eine unübliche Maßeinheit darstellt, in Japan wird Zug gefahren. Das Haupteiland der Inselrepublik Japan, Honshu, ist ein zerklüftetes Eldorado aus Bergen und Tälern im Sandwich zwischen dem Japanischen Meer und dem Pazifik. Auf jedem fruchtbaren Meter werden Felder bestellt, in den Tälern sitzen, mittlerweile ineinander verwachsene, Städte, die allesamt mit der Bahn verbunden sind. Der Umstand, dass erstaunliche 89 Prozent der Züge ohne Verspätung verkehren, steht stellvertretend für so vieles im Land der aufgehenden Sonne.

Japan, das ist Freundlichkeit, Manierlichkeit und Pflichtbewusstsein. So kennt man auch Masaya, dem man nicht selten als einer der Ersten am Morgen im Trainingszentrum Taxham begegnet. Wenn er Deutsch spricht, macht er das anders. Nicht wie Andre mit seiner Melodik, nicht wie Rasmus mit seiner Geradlinigkeit. Es mutet fast mathematisch an, wenn er mit Perfektionsanspruch nur jene Dinge sagt, derer er sich voll und ganz sicher ist. Für manche mag es schüchtern wirken, doch das begründet sich in seiner Herkunft.

Die stille und arbeitsame Art der Bewohner der Präfektur Shiga entspringt in ihrer Tradition. Während in den Städten, spät aber doch, langsam westliche Gepflogenheiten Einzug halten, geht es in Masayas Heimat noch klassisch japanisch zu. Alles hat klare Regeln, deren strikte Einhaltung für die Zugehörigkeit in der kollektivistisch organisierten Gesellschaft unerlässlich ist. Alles beginnt, eben nicht zufällig, mit dem sogenannten Keigo, der Höflichkeitssprache. Diese orientiert sich an Autoritäten, die sich seit Jahrhunderten nicht verändert haben. Vor ihnen gilt es, um jeden Preis das Gesicht zu wahren, weshalb kritische Themen so gut wie nie öffentlich angesprochen werden. Als besonders nobel gilt Fleiß. Man ist Musterschüler oder Versager, so einfach ist das. Masaya gehörte zu den Ersteren und fand trotzdem genug Zeit, um täglich nach der Shogakko, der Grundschule, das Leder zu bolzen.

Nichts normaler als das, möchte man meinen. Doch bis 1998 spielte Fußball in Japan keine Rolle. Erst da qualifizierte man sich mit dem ersten heimischen Star, Hidetoshi Nakata, zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft. So wurden die 1990er-Kids in Japan zur ersten Fußballergeneration. Die Heim-WM 2002 schaffte die nötige Infrastruktur für den Aufstieg zu Asiens Fußballnation Nummer eins. Ein Türöffner für Masaya, der mit 15 die familiäre Geborgenheit gegen fußballerische Professionalität tauschte und in die neue Akademie von Kyoto Sanga zog.

Die meisten kennen den Ort aufgrund des vielmissachteten Klimaprotokolls, das dort 1997 unterzeichnet wurde. Für Japaner ist die Millionenstadt die Wiege ihrer Kultur. Von 794 bis 1868 residierten die Kaiser in Kyoto. In der Moderne kennt man die Stadt vor allem wegen des Unternehmens Nintendo, das dort seinen Hauptsitz hat und wirtschaftlichen Erfolg zu einer Tugend macht. Für viele ist es üblich, auf ihre zwei Wochen jährlichen Urlaub zu verzichten, aus Loyalität zum Arbeitgeber, der Japaner im Alter nicht grundlos kündigen darf. Pension gibt es keine, man arbeitet bis ans Lebensende – und das kommt spät. Mit 85 Jahren haben Japaner die durchschnittlich höchste Lebenserwartung. Nicht unwesentlich trägt dazu die fisch- und gemüsereiche Ernährung bei, die im Raum Kyoto durch das Fleisch vom Wagyu-Rind ergänzt wird, das weltweit als Delikatesse gilt – ähnlich wie Masayas Ballbehandlung, die er seit bereits fünf Jahren in Salzburg zur Schau stellt, genüg- und arbeitsam, wie es uns gefällt.