11er-Duell | Walke vs. Soriano

Theorie, Technik, Psychologie & Dramaturgie des gefürchteten Strafstosses aus der Perspektive von Tormann und Elfmeterschütze

Wenn sich Jonatan Soriano und Alexander Walke gegenüberstehen und gegeneinander im direkten Duell antreten, ist eines klar: Es geht um ein Kräftemessen zweier AlphaTiere, die sich nichts – aber auch gar nichts – schenken.

Wir haben die beiden im Elfmeterschießen gegeneinander antreten lassen und zeigen euch, wie der gefürchtete Strafstoß aus der Tormann-Perspektive und aus Sicht des Elferschützen wahrgenommen wird. Aus den verschiedenen Blickwinkeln, die wir mit einer GoPro-Kamera eingefangen haben, sind ein paar sehr beeindruckende Bilder entstanden, aber seht selbst:

Elfmeter: Soriano vs. Walke

Die Theorie

Statistisch gesehen, werden 75 bis 80 Prozent der Elfmeter verwertet. Auswertungen der letzten Jahrzehnte haben aber ergeben, dass bei Weltmeisterschaften die Quote sogar höher ist. Etwa 80 Prozent der Strafstöße, die bei einer WM geschossen werden, treffen demnach das Ziel.

Ob links oder rechts die stärkere Ecke des Schützen ist, hängt im Wesentlichen davon ab, ob er Rechts- oder Linksfuß ist. Schießt er mit rechts, sind die für ihn linken Ecken die leichteren Ziele. Allerdings weiß das auch der Torwart, der sich vor dem Schuss entscheiden muss, in welche Ecke er springt, denn auf der für ihn sehr kurzen Distanz von 11 Metern und unter Einberechnung der Reaktionszeit hat dieser nämlich realistischer Weise keine Chance, auf den Schuss zu reagieren, denn die Flugzeit des Balles beträgt nur etwa 0,4 Sekunden.

Statistisch erwiesen ist auch, dass 90 Prozent der Elfmeterschützen in die Ecken schießen, nur 10 Prozent riskieren einen Lupfer zur Tormitte. Jonatan Soriano traf bei seinen vier Elfmetertoren in dieser Saison mit dem rechten Fuß zwei Mal in die linke und zwei Mal in die rechte Ecke.

Tormänner sind zwar in einem Elferduell theoretisch unterlegen, besitzen aber ganz wesentliche Fähigkeiten, die sie von den Feldspielern unterscheiden. Dazu gehören vor allem ihre körperliche Stärke und Durchtrainiertheit, die es ihnen ermöglicht, sich mit voller Wucht zu Boden zu werfen, ohne sich dabei zu verletzen. Darüber hinaus verfügen sie über eine überdurchschnittliche Reaktionsschnelligkeit. Unser „Muskelpaket“ Alex Walke ist aber nicht nur ein ausgezeichneter Tormann, sondern auch ein wichtiger Rückhalt und Führungsspieler in der Salzburger Defensive. Mit seiner Routine behält er in kritischen Situationen den Überblick und bringt Ruhe und Ordnung in die Abwehrreihe der Roten Bullen.

Unser kleines Rechenbeispiel

Quelle: Heimspiel Magazin Nr. 181

Die Technik

Elfmeter, ob direkt angetäuscht oder gelupft – ein guter Schuss beginnt mit dem richtigen Anlauf. In der Regel legt sich der Schütze den Ball auf dem Elfmeterpunkt zurecht. Dann geht er in etwa fünf Schritte zurück und je nach Schussveranlagung einen Schritt nach rechts oder links, um für seinen Schuss den idealen Anlaufwinkel zu bekommen.

Bei einer Torgröße von 7,32 m × 2,44 m muss der Torwart eine Zielfläche von fast 18 m² abdecken. Großgewachsene Tormänner sind aus diesem Grund natürlich ein wenig im Vorteil.

Mathematiker der Universität Erlangen-Nürnberg haben errechnet, dass der Torhüter mit der Geschwindigkeit eines 100-Meter-Läufers in die Ecke fliegen müsste, um den Ball noch zu erreichen. Viele Torhüter springen daher ab, bevor der Ball den Fuß des Schützen verlässt. Viele Spieler nützen dies aus und verzögern im richtigen Moment den Schuss. In fast 100 Prozent der Fälle kann der Ball so in die freie Ecke geschossen werden.

Einen Strafstoß aus eigener Kraft vereiteln, kann ein Tormann in den meisten Fällen fast nur, indem er den Ball abblockt. Die Gefahr dabei ist, dass solche abgeblockten Bälle bei einem Gegenspieler landen, und die Abwehr blitzschnell reagieren muss, damit der Gegner nicht noch durch den Nachschuss zum Torerfolg kommt.

Die Psychologie

Für den Elfmeterschützen ist die Vorbereitung auf den Strafstoß das Wichtigste. In der Phase, in der sich der Spieler den Ball auf dem Elfmeterpunkt herrichtet, versucht er, auch mental in sich zu gehen. Dabei sollten unbewusste Blicke in die gewählte Ecke vermieden werden, denn sie würden dem Tormann helfen, die Pläne des Schützen zu erraten. Erfahrene Tormänner werden dennoch versuchen, den Spieler in seiner Konzentration zu stören, indem sie sich viel und aggressiv im Tor hin- und herbewegen.

Einigen Torhütern gelingt es, überdurchschnittlich viele Strafstöße zu halten. Sie verfügen über die Fähigkeit, zumindest bei einigen Spielern zu erkennen, wohin diese schießen werden, um dann in der richtigen Ecke einen nicht ganz platzierten Ball abzuwehren. Einige Torhüter analysieren außerdem das Verhalten der Schützen in früheren Spielen und können sich dadurch mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf deren bevorzugte Ecke und Schusstechnik einstellen.

In der umgekehrten Psychologie könnte das wiederum bedeuten, dass ein Tormann, der bekanntermaßen überdurchschnittlich oft Strafstöße vereitelt, bei Elferschützen eine gewisse Unsicherheit auslöst. Das ist jedoch eine subjektive Annahme und keine belegte Theorie.

Die Dramaturgie und Symbolik

Obwohl es ein ungleicher Zweikampf ist, bleibt es dennoch ein Duell zweier ebenbürtiger Kontrahenten. Kaum ein Moment in einem Fußballspiel ist so spannungsgeladen wie ein Elfmeter, wenn die gesamte Energie jedes Einzelnen – von Mitspielern, Trainern und Zuschauern im Stadion – sich auf einen Augenblick und zwei Akteure konzentriert. Die Stille vor dem Schuss, das Adrenalin, die Atemlosigkeit, wenn sich der Ball in Bewegung setzt, die verzögerte Wahrnehmung und das Gefühl der Ball würde sich in Zeitlupe durch den Raum bewegen, der Moment der Entscheidung, der tosende Jubel der Sieger und die Trauer der Verlierer - sind die Elemente, welche die Dramaturgie eines Elfmeters ausmachen.

Symbolisch könnte ein Elfmeter auch dafür stehen, dass manchmal im realen Leben Glück, Schicksal, Glaube, Hoffnung und Mut einer ausweglos scheinenden Situation eine andere Wendung geben kann.