„Salzburger Halbzeit“ mit Rasmus Kristensen

Große Adressen, illustre Teamkollegen, glorreiche Erfolge. Rasmus Kristensen hat in kurzer Zeit viel erlebt, dennoch zieht er weiterhin cool seine Kreise. Hinter der eiskalten Fassade verstecken sich aber ganz andere Seiten. Seine Vorliebe für Frühstückslokale und sein Faible für James Brown erzählen eine Geschichte von charakterlicher Tiefe.

Rasmus ist ein wandelndes Klischee. Sein Aussehen – Ivan Drago. Seine Ausstrahlung – Drill Sergeant. Unsere Frage: Warum so ernst? Seine Antwort: Immer! Scheinbar. Denn unser Däne hat viel zu erzählen und so einiges davon passt so gar nicht zu seinem äußeren Erscheinungsbild. Woher das rührt? Das hat vielerlei Hintergründe. Begonnen hat alles in Brande, nahe Herning in Dänemark. Eine Stadt, die für vieles bekannt ist: Eishockey, Radsport, Handball, aber für Fußball eigentlich nicht. Bei Rasmus war das anders. Sein Vater war semi-professioneller Kicker, sein Cousin Spieler in Deutschland und sein Onkel Sigurd Profi bei Sturm Graz.

Von klein auf bin ich immer mit dem Ball herumgelaufen. Seitdem ich gehen kann, spiele ich Fußball. Im Verein habe ich dann mit vier Jahren begonnen, zunächst bei kleinen Klubs. Zu Midtjylland, dem Klub, den ich auch frenetisch unterstütze, bin ich erst mit elf Jahren gekommen.

Arbeit ist das wohl integralste Wort in Bezug auf seine Karriere, schon rein optisch. Man kann Fußball spielen, Rasmus kämpft und läuft Fußball. Es ist Grätsche statt Gurkerl, Luftduell statt Übersteiger. Früh hat er gelernt, dass Einstellung der Schlüssel zum Erfolg ist. Denn trotz seiner prominenten Herkunft gab es für ihn nichts geschenkt.

Ich war besser als die meisten in meinem Alter, aber auch ein körperlicher Spätentwickler. Wenn du gegen Größere und Stärkere spielen musst, musst du bereit sein, mehr zu geben als sie. Die weitaus größere Lektion ist aber die mentale. Du wirst nicht jeden Zweikampf gewinnen können, aber was du tun kannst, ist, über 90 Minuten alles zu geben. Dann hast du dir selbst nichts vorzuwerfen, und jemand anders kann das ebenfalls nicht.

Diese Attitüde macht ihn nicht nur zum strammen Fußsoldaten. Trotz seiner Jugend ist der 22-Jährige jemand, der eine gewisse Autorität ausstrahlt. Die besagte Einstellung zum Spiel verlangt er auch von seinen Teamkollegen.

Ich bin ein überzeugter, emotionaler Spieler. Es geht nur ums Gewinnen, immer und immer wieder. Für mich gibt es nichts anderes, so als wäre es in meiner DNA festgeschrieben. So kommt es, dass ich auch von meinen Teamkollegen immer alles fordere.

Gefordert und gefördert wurde Rasmus für lange Zeit in der Akademie des FC Midtjylland. Der Klub aus der Stadt Herning existiert erst seit 1999. Dennoch können die Jütländer behaupten, den Fußball revolutioniert zu haben. Matthew Benham, der auch Eigentümer des englischen Zweitligaklubs Brentford ist, setzt auf algorithmusgestütztes Scouting und Investment in den Nachwuchs. Es sollte sich bezahlt machen. In seiner letzten Saison wurde Rasmus dänischer Meister. Doch beim entscheidenden Spiel stand er nicht auf dem Platz, sondern saß Fingernägel beißend auf dem Flughafen in Kopenhagen.

Wir hatten einen herausragenden Saisonstart. In der Winterpause hat plötzlich Ajax Amsterdam angeklopft. Das hatte ich nicht erwartet. Ich: ein Kämpfer, Ajax: eine Gruppe von Technikern. Aber ich habe nicht lange überlegt und bin gegangen. Die Saison von Midtjylland habe ich natürlich mitverfolgt. Am letzten Spieltag hatten sie einen Punkt Rückstand auf Bröndby. Ich bin nicht mehr davon ausgegangen, dass sie Meister werden, deshalb habe ich meinen Urlaub gebucht. Als ich dann am Kopenhagener Flughafen saß, lief die letzte Runde. Midtjylland gewann. Bröndby war nach 80 Minuten mit 2:0 in Führung. Nach 90 Minuten stand es 2:2, Midtjylland war Meister, es war unglaublich!

In Amsterdam wehte ein anderer Wind, das laue jütländische Lüftchen wurde zur rauen Nordseebrise. In der Fußballschule, der schon viele Filigranos entsprungen sind, setzte man dem damals holzbeinigen Außenverteidiger den Hobel an. Rasmus war dafür offen, die Fans von Ajax nicht.

Ich habe fußballerisch wahnsinnig viel gelernt. Ich kann behaupten, vom Athleten zum Fußballer geworden zu sein. Auch die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. In meinen 30 Spielen für den Klub habe ich nur ein Mal verloren. Aber das Umfeld ist sehr politisch. Als Legionär hast du generell einen schweren Stand, mich mochten sie von Beginn an nicht, weil ich kein Edeltechniker war.

Wie eng Liebe und Hass beim niederländischen Rekordmeister beisammen liegen, musste Rasmus relativ bald am eigenen Leib erfahren. Nach fünf Siegen hagelte es im meisterschaftsentscheidenden Spiel bei PSV Eindhoven eine 0:3-Pleite. Die F-side, Ajax' berüchtigte Hooligangruppe, hielt den Bus auf dem Rückweg an.

Wir mussten aus dem Bus steigen und uns den Fans stellen. Die bauten sich Zentimeter vor unseren Gesichtern auf und beschimpften uns nach allen Regeln der Kunst, einer griff sogar Hakim Ziyech körperlich an. Edwin van der Sar stand in der Mitte eines Kreisverkehrs und war von 300 Hooligans eingekreist. Sie zwangen ihn stundenlang, sich für seine Einkaufspolitik zu erklären.

20 Jahre, alleine, im Ausland: Rasmus erlebte eine charakterbildende Zeit in Amsterdam. Das Schicksal und die Hausnummer teilte er sich mit Max Wöber, mit dem er in ebendieser Zeit ein enges Verhältnis aufbaute.

In meinem Grätzl waren viele Ajax-Kicker zu Hause. Im Erdgeschoß gab es ein Restaurant mit dem Namen The Breakfast Club, in dem wir uns häufig zum Frühstücken trafen. Die Mitglieder der Frühstücks-Gang waren Max Wöber, Kostas Lamprou und Joel Veltman. Auch darüber hinaus haben wir viel unternommen. Als alleinstehender Fußballer hast du viel Zeit.

Die mangelnden Einsatzzeiten bei Ajax veranlassten ihn, zu wechseln. Mit dem FC Red Bull Salzburg fand er einen Klub, der seine physischen Qualitäten schätzt, anstatt sie ändern zu wollen. Die Umgebung ist für ihn nicht unbekannt. Als Kind verbrachte er seine Ski-Urlaube in Mühlbach am Hochkönig. Sein Onkel Sigurd spielte nach seiner Karriere bei Sturm Graz in Puch bei Salzburg.

Das Leben in Salzburg ist top. Es ist sehr ruhig, so bin ich ja auch (grinst). In Amsterdam habe ich nicht wirklich Wert auf meine Wohnung gelegt, da ich ständig draußen war. Hier ist das anders, ich fühle mich schon wie zu Hause.

Zu einem solchen gehört für Rasmus auch immer der richtige Sound. Entgegen unserer Annahme pumpt er nicht etwa Rock oder RnB-Rhythmen. Der kühle Blonde steht auf Old School Funk, vor allem von James Brown. Seitdem Rasmus die Ägide über die Musikanlage am Trainingsgelände übernommen hat, haben sich die Klänge dramatisch geändert.

Die meisten hören ja eher Hip-Hop, aber sie sind von meiner Musik auch angetan, weil James Brown einen großen Einfluss auf die Musik von heute hat. Jesse und dem Trainerteam gefällt es auch, schließlich ist es die Musik ihrer Jugend (lacht). Ich bin durch meine Tante auf den Geschmack gekommen. Als ich meinen ersten iPod bekommen habe, hat sie ihre Songs draufgeladen. Mike & the Mechanics, Prince … das war immer schon mein Sound.

Schon nach kurzer Unterhaltung merkt man, dass Rasmus ein wahrer Connaisseur der musikalischen Klänge, aber auch der bewegten Bilder ist. Zu seinen Lieblingsstreifen zählen The Shawshank Redemption und die Batman-Reihe. Mit Filmen in Österreich hat er aber ein elementares Problem.

Ich verstehe nicht, wie ihr in Österreich Hollywood-Filme auf Deutsch anschauen könnt. In Dänemark schauen wir alles in Originalsprache mit dänischen Untertiteln. Es ist einfach wichtig, mit welchem Akzent Tom Hanks in Forrest Gump spricht, sonst versteht man den Film nicht.

Nicht nur aus den Boxen und auf der Leinwand zählt für ihn die Qualität, auch auf dem Handgelenk. Seine letzte, aber vielleicht größte Leidenschaft gilt den Uhren. Er bewundert die Handwerkskunst und verbindet mit ihr auch einen großen Traum.

Irgendwann möchte ich eine Patek Philippe Nautilus besitzen. Wenn ich sterbe, dann mit ihr am Handgelenk.