Der zweite Anlauf

Unsere Erfahrungswerte aus den ersten UCL-Begegnungen

Es ist der zweite Durchgang, keine Unbekannten mehr. Wir kennen die Tücken, manche beginnen zu rechnen. Wir haben die neuralgischen Punkte herausgearbeitet, die bezüglich Sieg oder Niederlage entscheidend sein werden.

Bayern neun, Atletico vier, Lok zwei, wir einen – so sieht die Punkteausbeute zur Halbzeit in der Gruppenphase aus. Ohne herumzuschwafeln: Das ist ärgerlich. Bei guten Spielverläufen hätten es fünf Punkte sein können. Und wenn schon, das Ärgernis liegt zurück, die Länderspielpause ist wie Semesterferien, um die Jahresnoten geht es danach und noch ist alles offen. 

FC Bayern München: Dreistigkeit siegt

Was wir gegen die Bayern gelernt haben: Unsere mutige Spielweise bringt uns gleichermaßen in die Lage, zu führen und ebendiese Führung wieder aus der Hand zu geben. Salzburg in der UEFA Champions League, das ist Power, Spektakel, weil Chaos, das manchmal für uns selbst nicht kontrollierbar ist. Rein nach unserem Gefühl hatten wir eine Chance, bis zur 79. Minute stand es immerhin 2:2. Was sich an jenem Abend gefühlsmäßig ertasten ließ, belegen auch die Fakten. Man könnte sagen, die Bayern hatten Respekt, speziell vor einem: Dominik Szoboszlai. Benjamin Pavard, der direkte Gegenspieler von Szobo, stand als rechter Verteidiger bei Weitem tiefer als sein Linksverteidigerpendant Lucas Hernandez. Über 50 Prozent der Münchner Angriffe liefen über links, weil sich Pavard kaum offensiv einschaltete. Das isolierte auch Serge Gnabry, der ohne Unterstützung Pavards blass blieb.

Erfahrung eins: Wenn wir durch hohes Pressing und Angriffsgefahr die Außenverteidiger an die Viererkette festdübeln, leidet das Offensivspiel der Bayern erheblich.

Es war knapp und dann doch nicht. 10 zu 10 Schüsse aufs Tor, ebenbürtig, könnte man meinen. Doch es zählt nicht die Anzahl der Torchancen, sondern deren Qualität. Jede Ballberührung im Strafraum erzeugt Gefahr. So bekamen die Bayern zunächst zwei Elfmeter zugesprochen, so erzielten sie alle ihre Tore. Insgesamt zählten sie 35 Ballberührungen in unserem Strafraum, während wir nur 20 verbuchten.

Erfahrung zwei: Wir müssen uns für unsere Bemühungen belohnen. Keine Hast, keine Nervosität in den Abschlüssen, auch wenn uns der große FC Bayern gegenübersteht. Wenn wir unsere Chancen fertig spielen und aus besseren Positionen abschließen, ist noch mehr möglich.

90 Minuten volles Tempo gegen die Bayern, das ist wahre Anstrengung. Vier Gegentreffer gegen Ende der Partie mit schlappen Beinen zu entschuldigen, wäre aber zu einfach. Haltung annehmen, die Basics richtig machen, die Kür vernachlässigen, das haben wir ein wenig verabsäumt. „Wir müssen klar sein“, sagt Jesse. Wer die realtaktischen Aufstellungen (unten) von unserem Spiel gegen Atletico und jenem gegen die Bayern vergleicht, sieht, dass wir im Tohuwabohu unsere klare taktische Formation verloren haben. Das darf uns gegen diese Bayern kein zweites Mal passieren.

Realtaktische Aufstellungen im Vergleich - 2 Bilder

Atletico Madrid: Neue Vorstellung von Zeit und Raum

Es war auf Augenhöhe. Ein Spiel mit offenem Ausgang, bis Joao Felix die Hauptrolle an sich riss. Keine Überraschung, in der UEFA Champions League trifft man auf individuelle Klasse. Darauf waren und sind wir vorbereitet. Im Falle von Atletico kam sie unermüdlich und klar strukturiert auf uns zu. Vor dem Spiel zeichnete man ein 4-5-1 auf. In der Vorwärtsbewegung sahen wir uns plötzlich einem 4-3-3 mit falscher 9 ausgesetzt. Luis Suarez, der Fuchs taumelte nicht auf der Abseitslinie wie noch zu Barcazeiten. Er ließ sich ins Mittelfeld fallen und zwang so unsere Innenverteidiger zur Entscheidung: Bleibe ich in der Viererkette oder folge ich Suarez ins Mittelfeld, um ein Zuspiel zu verhindern? In der Konsequenz hinterließ der Stürmerveteran Räume, die Joao Felix und Angel Correa nutzten, um sich in den Strafraum zu tanken, inverser Flügelspieler nennt das der Fachmann.

Erfahrung: Der Raum zwischen der Abwehrkette und dem Mittelfeld ist das Operationsgebiet von Möglichmacher Suarez, der Räume für seine Mitspieler kreiert. Wenn man den Raum ständig mit einem defensiven Mittelfeldspieler füllt, der im Ballbesitz zu einem Regista (tief sitzender Spielmacher) werden kann, nimmt man Atletico viele seiner Mittel.

Lokomotive Moskau: Effizienz und Kampf

Lok kam, wie erwartet, mit eiserner Disziplin, Physis und, vielleicht überraschend, Effizienz. Es war eine Vintage-Performance, mit der uns Lok in seinem 4-4-2 in allen Statistiken die Führerschaft überließ, außer in der wichtigsten: dem Spielresultat. Wir machten also vieles richtig. Über 30 Prozent des Spiels befand sich der Ball im Drittel der Russen. Unsere häufigste Passkombination war Ramalho auf Camara, ganze 14 Mal. Das ist deshalb erstaunlich, weil die am häufigsten gespielten Pässe beinahe immer Horizontalpässe in der Abwehr ohne Raumgewinn sind. In diesem Fall war es ein vertikaler Kurzpass, sprich ein sicherer Pass in die richtige Richtung. Das ist begrüßenswert. Das Spiel nach vorne klappte gut, einzig die Chancenauswertung war unser Manko. Man könnte sagen: Noch einmal so, nur besser! Und das liegt nahe an der Wahrheit, abgesehen von einem wichtigen Detail: Grzegorz Krychowiak muss besser kontrolliert werden. Der Mittelfeld-Rambo versteht nicht nur die Zweikampfführung, sondern hat auch den Mumm zum vertikalen Weitpass. Gleich sechs Mal fand sein Zuspiel den Stürmerrecken Fedor Smolov in aussichtsreichen Positionen.

Erfahrung: Das Spiel wird an zweiten Orten gewonnen. Im Mittelfeld, wo mit Krychowiak und Miranchuk die zwei wohl talentiertesten Kicker der Russen warten, und im Strafraum, wo es an uns ist, unsere bestimmt wieder zahlreichen Chancen besser zu nützen.

Alle Spiele in voller Länge:

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Re-Live: FC Salzburg vs. Lok Moskau
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Re-Live: FC Salzburg vs. FC Bayern München