Viel Glück, Jesse!

Unser Coach verlässt uns nach zwei denkwürdigen Jahren

„Jedermann hat immer gefragt, ist dieser Kader gut genug?“, es waren die ersten geflügelten Worte von Jesse Marsch in Salzburg. Die Antwort gaben seine Burschen in den letzten beiden Jahren. Zwei Meistertitel, zwei Cup-Siege, der Coach blickt auf eine höchst erfolgreiche Amtszeit zurück. Dazu gibt es von uns das ein bisschen andere Farewell.

Er lässt dich Dinge neu denken

„Was bedeutet Druck?“, hat Jesse einmal gefragt. Das war kein rhetorisches Stilmittel, er wusste es wirklich nicht. Warum reden hier alle von Druck, hat er sich gefragt. Es muss etwas Wichtiges sein. Als er erfahren hat, dass es so viel wie Pressure bedeutet, war er verblüfft. Warum würde man darüber reden? Druck ist der pessimistische Bruder der Erwartung. Viel lieber spricht er über die großen Dinge, die andere nicht auszusprechen wagten. „Wir wollen die Europa League gewinnen“, war einer jener Eyebrow Raisers, über den sich einige in ihrer Schadenfreude amüsiert haben, ohne dabei die Moral der Geschichte zu verstehen. Authentizität ist der einzig wahre Weg.

Es hat Jesse niemals leidgetan, das gesagt zu haben. Schließlich hat er nur ausgesprochen, was er sich gedacht hat, und die Gedanken sind frei. Warum sollte er sich auch die Mühe machen, konstruiert-kalkulierte Antworten zu geben? Noch dazu in einer Sprache, die er gerade zu einer guten Hälfte spricht. Trial and Error, Jesse hat keine Angst, Fehler zu machen. Er weiß, dass nur der Fehler zur Lösung führt. So war es auch mit seinen Spielern. Niemand, dem der Ball durch die Beine gerutscht war, bekam danach eine Breitseite von Jesse, nur dann, wenn er nicht nachgelaufen ist.

Er ist als Trainer gekommen und als Mensch gegangen

„Wer ist Jesse Marsch?“, fragten sich nicht wenige, als er in Salzburg eincheckte. Das Einzige, was jeder wusste, war, dass er Amerikaner ist und aus Leipzig kam. Die Fußstapfen von Marco Rose waren groß und sein Bekanntheitsgrad klein. Doch das änderte sich. Die Fans lernten den Trainer Jesse kennen. Den Typen, der gegen Chelsea und Real Madrid mutig auflaufen ließ, dessen Truppe über Genk hinwegfegte wie ein Wirbelwind. Sie fanden ihn sympathisch, verständlicherweise. Erfolg macht sexy. Aber Jesse war eben nicht nur das. Er ging mit einer Kabinenansprache in Liverpool viral, wider Willen, aber egal. Er konnte drüber schmunzeln, schließlich war es authentisch. Jetzt verstand die Welt, dass es sich dabei um einen Menschen handelte, einen ziemlich besonderen sogar.

Sein Abschied schmerzt aus demselben Grund. Wir verlieren eben nicht nur den Trainer, sondern auch den Menschen Jesse Marsch. Selbst wenn er nun in Leipzig coacht, ist seine Gravur in Salzburg eine bleibende. Mut, Authentiztät und Menschlichkeit, er hat demonstriert, wie man diese Werte zur Tat bringt. Danke, Jesse!

Abschiedsinterview | Jesse Marsch