„SALZBURGER HALBZEIT“ mit Jerome Onguene

Jerome Onguene lebt die Widersprüche. Ruhig, aber kraftvoll. Verteidiger, aber torgefährlich. Bodenständig, aber anpassungsfähig. Der 21-Jährige spricht über kalte Winter, die Liebe zu Salzburg und seine Torjägerambitionen.

Neue Saison, neue Charaktere viele Leitwölfe haben das Rudel verlassen. Auf der Suche nach neuen rückt einer ganz besonders in den Fokus: Jerome Onguene Statur: Furcht einflößend Spielstil: majestätisch, stolz in der Ausstrahlung, souverän im Auftreten. Man merkt, der 21-Jährige hat trotz seiner Jugend schon viel Charakterprägendes erlebt. Im Hangar-7 erzählt uns Jerome mehr darüber:

Ich bin in Mbalmayo (Anm.: Jeromes Geburtsstadt in Kamerun) aufgewachsen und erst mit elf Jahren nach Frankreich gezogen, aber nicht des Fußballs wegen, sondern weil meine Mutter bereits in Frankreich lebte. Am Anfang fiel mir die Anpassung schwer. Die Winter im Elsass waren kalt, die Menschen waren anders. Aber das wurde bald besser. Ich habe mich dann erstmals einem Fußballverein angeschlossen, dem AS Illzach Modenheim. Nur wenig später kam das Angebot vom FC Sochaux, wo ich zum Profi wurde. Meine Familie hat mich dabei immer unterstützt. Vor allem meine Mutter, mein Onkel und mein Stiefvater waren immer für mich da.

Das ist auch wichtig, denn die 50 Kilometer zum täglichen Training nach Sochaux fahren sich aus seiner Heimatstadt Mulhouse nicht alleine. Mit der Unterstützung der Familie gelingt Jerome der erste Durchbruch. Mit erst 14 Jahren (da kickt er erst drei Jahre im Vereinsfußball!) wird er zum ersten Mal in die U16-Auswahl Frankreichs einberufen.

Es lief alles sehr gut. Ich war durch den Straßenfußball technisch versiert und physisch für mein Alter top. In Sochaux habe ich die Möglichkeit bekommen, mich gut zu entwickeln. 2015 gewannen wir gegen all die großen Teams den Coupe Gambardella (Anm.: U19-Meisterschaft Frankreichs). Schon mit 17 war ich Stammspieler in der Ligue 2.

Zu Jeromes Pfad gehört aber auch die Vorliebe für den steinigen Weg. Noch bevor er in Frankreich Erstligaluft schnuppert, wagt er den Sprung in die zweite deutsche Bundesliga zu Stuttgart. Ein Fehltritt, wie sich herausstellen sollte.

Es war eine schwierige und lehrreiche Zeit für mich. Wir sind innerhalb eines halben Jahres nach meiner Ankunft aufgestiegen. Dann kamen viele neue Spieler. Für die Entwicklung von Youngsters war da wenig Raum. Mir wurden Dinge versprochen, die letztlich nicht eingehalten wurden. Wenn du Fußballer bist und keine Einsatzzeiten bekommst, nagt das an dir.

Doch genau in schwierigen Situationen beweist Jerome Steherqualitäten. Er lässt das ernüchternde Intermezzo in Stuttgart hinter sich und wechselt leihweise nach Salzburg. Die Roten Bullen haben schon zuvor Interesse bekundet. Aufgrund der Nähe zur Heimat hat er sich aber zunächst für Stuttgart entschieden. Den Schritt in die österreichische Ferne sollte er aber nicht bereuen.

In Salzburg habe ich mich sehr schnell sehr wohlgefühlt. Es wurde mir sehr leicht gemacht, mich an die Kultur und die Menschen zu gewöhnen. Diadie Samassekou, Amadou Haidara und vor allem Musti (Anm.: Mustapha Mesloub, Integrationsmanager) haben mir dabei sehr geholfen. Mit ihnen habe ich dann auch in der Freizeit viel unternommen und tue das immer noch.

Auch sportlich läuft es von Beginn an gut. Nach einer starken Hinrunde in Liefering wird er von Marco Rose immer stärker in das erste Team integriert. Am Saisonende beschließt man, den temporären Aufenthalt in Salzburg zu einem permanenten zu machen. Jerome freut es. Nicht nur im Hangar-7 fühlt er sich ausgesprochen wohl, auch das Salzburger Lebensgefühl hat er verinnerlicht. Onguene und die Mozartstadt ein Monolith.

Salzburg ist eine ruhige Stadt, die sehr gut zu mir passt. Denn ich bin ein eher zurückhaltender Typ und bleibe gerne für mich. Ich mag Salzburg wirklich sehr, weil ich hier ein ruhiges Leben führen kann.

 

Die technischen Meisterwerke im Hangar-7 faszinieren Jerome. Selbst begreift er sich als die Salzburger Luftwaffe, und die strebt nach nichts Geringerem als Perfektion. Der Abfangjäger nennt Virgil van Dijk als sein Vorbild, deshalb stellt er auch an sich selbst die höchsten Ansprüche.

Mit der letzten Saison kann ich durchaus zufrieden sein, aber nicht komplett. Als Mannschaft haben wir eine tolle Saison gespielt. Individuell kann ich aber mehr und möchte es in dieser Saison auch besser machen. Ich arbeite hart daran, noch mehr Spielzeit zu bekommen. In den letzten beiden Jahren war ich mehr Rotationsspieler. Gerne würde ich auch noch mehr Tore erzielen (Anm.: Onguene erzielte in 30 Bundesliga-Spielen sieben Tore). Mein Ziel in diesem Jahr ist es, noch mehr zu spielen und beide nationalen Titel zu gewinnen.

International hat sich für Jerome einiges getan. Er durchläuft von der U16 bis zur U20 alle Altersstufen der Equipe Tricolore. Danach herrscht aber Flaute, bis plötzlich ein ganz Bekannter des Weltfußballs anruft:

Im französischen Nationalteam gibt es auf allen Positionen sehr gute Spieler, sodass ich dort nach der U20 nicht mehr einberufen wurde. Dann hat mich Clarence Seedorf angerufen und mich gefragt, ob ich nicht für Kamerun spielen möchte. Bevor ich die Entscheidung getroffen habe, hatte ich schon einige Bedenken. Ich war zunächst unentschlossen und habe viel mit meiner Familie und dem Nationaltrainer Seedorf darüber gesprochen. Das hat mich dann sehr motiviert, für Kamerun zu spielen. 

Auch im Kreise der unzähmbaren Löwen ist die Beschaffenheit seines Wegs nicht minder steinig. Doch Onguene ist jemand, der sein Glück nicht sucht, er erzwingt es.

Leider wurde ich heuer nicht für den Afrika-Cup nominiert. Wir waren gerade in Madrid, um uns auf das Turnier vorzubereiten, als mir die Entscheidung mitgeteilt wurde. Um ehrlich zu sein, habe ich das überhaupt nicht erwartet. Das war ein großer Rückschlag für mich, und ich war wirklich enttäuscht. Aber die Wahl wurde so getroffen und damit musste ich umgehen. Es gibt immer Höhen und Tiefen. Das kenne ich bereits aus der Vergangenheit. In der Zukunft werde ich eine umso größere Rolle spielen.